Berlin - Pilzstellen verrät man ja eigentlich nicht. Aber ich habe gestern morgen Pilze innerhalb des S-Bahnrings entdeckt. In Neukölln. Dort, wo es seit einiger Zeit Kreuzkölln heißt, eine Gegend also, in der eigentlich nur die Zahl der Bars und Hipsterbärte wächst. Aus dem Augenwinkel entdeckt unter einem Busch in der Hasenheide. Und es handelte sich nicht um ein Plastiktütchen mit Magic Mushrooms, sondern um unschuldige Wiesenchampignons. Heute ging es weiter. Beim Joggen fiel mir eine Runde Parasole direkt am Landwehrkanal auf, in dem kleinen Park am Weichselufer direkt am Dreiländereck, wo sich Treptow, Kreuzberg und Neukölln treffen. Regionaler geht es nicht. Später machte ich mich mit einem Korb über dem Arm auf, sie zu ernten, so als wäre ich Rotkäppchen.

Dass man auch in der Großstadt Lebensmittel nicht nur aus dem Supermarkt beziehen kann, darauf macht seit einigen Jahren die Online-Plattform Mundraub aufmerksam. Einer Karte kann man entnehmen, wo in der Nachbarschaft Kirschen, Äpfel oder Haselnüsse wachsen. Aber nicht auf Privatgrundstücken. Die alte Definition von Mundraub aus der Bibel, wonach man in den Weinberg eines andern kommen und so viel Trauben essen darf, wie man mag, solang man sie nicht in ein Gefäß füllt und davonträgt, gilt nämlich seit 1975 nicht mehr. Solcher Mundraub ist Diebstahl.

Aber die Pilze wachsen ja im Park. Und vielleicht hat mich der Anblick der Parasole und Champignons deshalb so elektrisiert, weil er uralte Instinkte geweckt hat. Es war, als hätte ich nur darauf gewartet, zu sammeln, was die örtliche Natur hergibt. Diese Natur, von der man doch nicht weiter entfernt sein könnte, als in den Straßen Nord-Neuköllns, in denen von Abgasen, Hundepisse und weggeworfenen Kippen geplagte Linden ums Überleben kämpfen. Diese Natur, ewiger Sehnsuchtsort für den gestressten Großstädter mit seinem entfremdeten Leben. Sie ist tatsächlich näher als gedacht.