Sogar die beste Wärmebildkamera wird ihm in den nächsten Nächten kaum etwas nützen, das weiß Björn Lindner schon jetzt. Natürlich wird er, der Parkranger, wie üblich seine Reviergänge machen: den Berg im Naturpark Marienfelde hinauf, auch tief hinein ins Gehölz.

Sehen wird er dort – nichts. „Für die Wildtiere“, sagt der 48-Jährige, „ist Silvester Stress pur. Sie sind für ein paar Tage verschwunden.“ Die Wildschweine rennen weg, bloß raus aus Berlin, das Rehwild ebenso. Die Vögel sind auch wie vom Erdboden verschluckt. So wie jeder Haushund sich derzeit unters Sofa verkriecht, so ähnlich machen es die wilden Tiere: nur weg, dorthin, wo es sicher ist.

Lindner zählt sonst in diesen Winterwochen sehr viel Wild vor seiner Haustür. Das heißt, in dem insgesamt 40 Hektar großen Park im Süden Berlins. Es ist eine ehemalige Mülldeponie mit einzigartigen, wild überwucherten Landschaften, mit Hügeln, Freiflächen, Wäldchen.

„Mehr Wildnis wagen“

Tagsüber ist der Ranger Lindner sowieso immer da, die Naturschutzstation, die es hier gibt, hat er selbst aufgebaut. Und auch abends und nachts dreht er regelmäßige Runden, dann eben mit Nachtsichtgerät. Er kennt seine Rehe, Wildschweine, Feldhasen und Dachse. Viele Vogelarten seien derzeit da, „als Wintergäste“, sagt Lindner. Zum Beispiel Drosseln. „Eigentlich“, muss der Ranger hinzufügen. Denn seit es in der Nähe immer häufiger böllert, sind alle Drosseln erst einmal wieder weg. Lindner klagt gar nicht an. Er weist nüchtern darauf hin, was eine Nacht wie die Berliner Silvesternacht eben mit sich bringt.

Seinen Job im Marienfelder Park macht er seit elf Jahren, ausgebildet zum Naturranger wurde er vor mehr als 20 Jahren in Sachsen. „Mehr Wildnis wagen“ ist das Motto von ihm und seinen Mitarbeitern, die regelmäßig aushelfen. Es sei doch ein großer Gewinn, sagt Lindner, dass so viele Wildtiere in der Stadt leben und auch wahrgenommen werden.

„grüne Klassenzimmer“ für Berliner Kinder

Berlin kann sich dafür rühmen, im urbanen Raum gewöhnt man sich an die Koexistenz. Die Station sieht ihren Part in der Aufklärungsarbeit: mehr Wildnis zeigen – und im besten Falle verstehen. Übrigens: Wildschweine rennen zu Silvester durchaus 30, 40 Kilometer weg in Richtung Süden. Sie kehren aber auch getreu heim in ihre angestammte „urbane“ Natur. Und diese Anhänglichkeit wird bleiben, das müssen Städter wissen.

Zunächst gehörte die Station zum Naturschutzbund Nabu, seit drei Jahren hat sie einen eigenen Verein, die Naturwacht Berlin. Der Bezirk Tempelhof-Schöneberg gibt Geld, außerdem finanzieren der Senat, private Stiftungen und Spender die einzelnen Projekte. Lindner, ein 1,90-Mann in groben Stiefeln und immer waidmannsgrüner Montur, tut auf dem Gelände alles. Er zimmert Häuser als „grüne Klassenzimmer“ für Berliner Kinder zusammen, füttert die Nutztiere, die es auch gibt, managt die Station und den Förderverein, er empfängt Gäste. Sogar jetzt im Winter – man kann sich bei der Station melden, dann bekommt man eine Führung.

Ihm helfen Unternehmer aus Marienfelde und Umgebung: Am nahe gelegenen Baumarkt gibt es eine abgezäunte Wiese, wo Lindners Schafherde im Sommer grast. Das Unternehmen sponsert den Naturpark. „Vor 20 Jahren wärst du mit solch einer Idee noch als Dussel abgetan worden“, sagt der Ranger. Eine andere Heidschnucken-Herde lässt er im Park grasen.

Ein Wildschwein lebt auch in der Station. Vor zwei Jahren fand Lindner den verlassenen Frischling im Gelände, unmittelbar nach der Geburt. Wildtiere soll man zwar nicht halten, na klar – aber eine Ausnahme durfte her. „Borst vom Forst“ ist hier nun „Botschafter für Wildtiere“. Ein sehr verspielter, ganz versessen auf Bananen. Aber ab heute zieht er sich ganz weit zurück in einen Holzverschlag.