Eine Büste aus dem "Welfenschatz"
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BerlinDer „Welfenschatz“ im Berliner Kunstgewerbemuseum gehört zu den bedeutendsten erhaltenen Kirchen- und Fürstenschätzen des Mittelalters. Aufs Engste sind diese Reliquiare, Kirchengeräte, Stoffe und Bücher, die seit dem 12. Jahrhundert für die vom Herzog Heinrich dem Löwen begründete Stiftskirche St. Blasius in Braunschweig gesammelt wurden, mit der deutschen Geschichte verwoben. Die oft zu lesende Schätzung von 240 bis 270 Millionen Dollar Verkaufswert ist vollkommen fiktiv: Ein solch herausragender Bestand ist seit den 1930er-Jahren nicht mehr auf dem Kunstmarkt angeboten worden, nachdem die Familie Welf 1929 die noch verbliebenen 82 Stücke an ein Kunsthändlerkonsortium verkaufte.

Damals begann auch eine Geschichte, deren jüngste Volte nun bekannt wurde: Der Oberste Gerichtshof der USA wird in den kommenden Monaten entscheiden, ob eine Klage auf Auslieferung des Welfenschatzes an die Erben der Kunsthändler in Amerika verhandelt werden darf. Erstmals hatten sie diesen Anspruch 2008 erhoben, zur Überraschung der Fachwelt. Bis dahin galt der Ankauf von 40 Objekten des Welfenschatzes durch den Staat Preußen 1934 als juristisch und moralisch einwandfrei. 4,25 Millionen Reichsmark wurden damals bezahlt. Trotzdem hatte ein amerikanisches Gericht 2017 die Klage angenommen, die 2017 gegen die Bundesrepublik und die Stiftung Preußischer Kulturbesitz (SPK) eingereicht worden war.

Aber dürfen Einzelpersonen in den USA gegen Staaten klagen, in denen es ein funktionierendes, demokratisch legitimiertes Rechtssystem gibt, an das sie sich auch wenden können? Das amerikanische Justizministerium war damals der SPK ausdrücklich beigesprungen. Die rechtlichen, diplomatischen oder wirtschaftlichen Folgen einer Entscheidung für den Klageanspruch der Kunsthändler-Erben wären dramatisch: Die gegenseitige Anerkennung des Rechtssystems von demokratisch verfassten Staaten wäre in Gefahr.

Aus der Sicht der meisten Museumshistoriker, die die Akten kennen, ist die Sache klar: Der Verkauf von 1935 fand nach den Gesetzen des Markts und nicht unter mehr als dem üblichen politischen Druck statt. Deswegen hatte auch die sogenannte Limbach-Kommission 2014 gegen einen Rückgabeanspruch entschieden und festgestellt, dass der Welfenschatz keine Raubkunst sei.

Seit 1928 bot Ernst August von Braunschweig-Lüneburg die Objekte an, er wollte zuerst 24 Millionen Reichsmark, dann nur noch 10 Millionen. Das Händlerkonsortium erwarb den Bestand 1929 für 7,5 Millionen. 1930 bis 1932 verkaufte es 40 Objekte, doch kamen nur etwa 1,5 Millionen Reichsmark zusammen. Die Weltwirtschaftskrise hatte den Markt für Kunstgewerbe zusammenbrechen lassen. Den Restbestand von 42 Stücken erwarb der Staat Preußen für 4,25 Millionen Reichsmark in Form von Bargeld und erlesenen Kunstwerken für den Weiterverkauf, die die Staatlichen Museen aus ihren Sammlungen aussuchen mussten.

Nach allen Akten konnten die Händler frei über das Geld und die Kunstwerke verfügen. Das zentrale Argument der Erben-Anwälte ist nun, dass die Kunsthändler 1935 durch die antisemitischen Gesetze des Deutschen Reichs unter Verkaufszwang gesetzt worden seien und so ein Preis entstand, der nicht „dem Wert“ entsprochen habe. Doch der Wert ist eine Frage des Marktgeschehens, das 1932 in Amerika getestet worden war. Zudem befand sich der Welfenschatz 1935 gar nicht in Deutschland, die Händler hätten also auch andere Käufer finden können.

Wie der Supreme Court nun befinden wird, ist völlig offen. Er kann entscheiden, dass die Klage gegen die Bundesrepublik unmöglich ist, woraufhin die Kläger in Deutschland und in Europa Gerichte anrufen könnten. Er kann auch entscheiden, dass deutsche Gerichte befangen seien, also in Amerika verhandelt werden muss. Dann ginge die Sache zurück an die unteren Gerichte, nach deren Entscheidung neuerlich der Rechtsweg offen stünde. Sicher würde dabei die Frage gestellt, ob auch die Folgegeschäfte des Konsortiums mit den Kunstwerken aus dem Besitz der Berliner Staatlichen Museen illegal gewesen seien – infolge derer etwa die burgundische Madonna aus der Stiftung von James Simon in das New Yorker Metropolitan Museum gelangte. Und es würde auch dieser Aspekt eine Rolle spielen: Kein Teilhaber des Konsortiums von 1929 hat jemals den Handel mit dem preußischen Staat von 1935 in Frage gestellt – auch nicht, als nach dem Krieg alle Möglichkeiten dazu freistanden.