Was wäre, wenn ... Der Konjunktiv klingt bedrohlich. Zumindest ambivalent, mit Blick auf das Videostill des aus dem Ruhrpott stammenden Wahlberliners Niklas Goldbach, einer von 15 Künstlern, die jetzt im NBK ausstellen. Da steht einer bis zu den Knien im Wasser, inmitten der gleichgültigen Schönheit des Meeres. Er zeigt mit der Linken in eine Richtung, die vielleicht Land bedeutet, Zukunft für Kunst und Künstler. Dubai statt Berlin?

Denn was bliebe der mythosbeladenen Stadt, wenn all ihre Künstler weggingen, weil sie zwischen Hotels, Eigentums- und Ferienwohnungen, Bistros, Schuh-, Taschen-Shops und Souvenirläden keine bezahlbaren Produktionsräume und in den um die Existenz strampelnden Galerien, den verarmten Museen, bei abwesender Käufer- und Sammlerschaft kaum mehr Absatz fänden?

Zugegeben, das Szenario ist zugespitzt. Noch ist eine ganze Anzahl von erfolgreichen Künstlern zuversichtlich im Geschäft, weil sei auf treue Galeristen und Kuratoren zählen können. Noch halten auch jene, bei denen es ökonomisch eher mau läuft, ihr Atelier. Manchmal helfen Stipendien. Wie den 15 (Wahl)Berlinern dieser von Frank Wagner kuratierten NBK-Schau. 12 000 Euro Förderung sind kein Pappenstiel – und so ist „Give Us The Future“ nicht nur ein Appell an die Berliner Politik. Sie ist im Gegenzug auch eine Leistungsbilanz, weil sie zeigt, was entsteht, wenn ein (diplomierter) Künstler mal für sechs Monate nicht nebenbei prekär jobben muss.

Die Ausstellung gibt einen anschaulichen Querschnitt von dem, was heute aus Berlins Ateliers kommt – und ein universales Anliegen hat: Adrian Lohmüller etwa füllte in ein Terrarium versumpfte, versäuerte Erde von jenem Amazonasgebiet, das Henry Ford 1928 für die Autoindustrie roden ließ – 10 000 Quadratkilometer kontaminiertes Land, auf dem nichts mehr wachsen wird. Sylbee Kim aus Seoul filmte ein lakonisches Video von Bauten und Gerätschaften mitten aus dem Zentrum der Reaktorkatastrophe von Fukushima, während Ming Wong aus Singapur eine Pailletten-Strass-Gasmaske an die Wand drapierte, als verwirrende Metapher für Geschlechterfragen, Rollenspiele, Maskeraden – und sarkastischerKommentar zu jenem auf dem Markt für Millionen gehandelten Diamanten-Totenschädel des englischen Super-Stars Damian Hirst.

Politisch, kritisch, konzeptuell, dabei sinnlich und auf Diskurs angelegt – das ist der Eindruck der gesamten Schau, in der Bettina Huschek – in Video und Zeichnungen – gar eine ironische Suche nach dem untergegangenen Atlantis wagt, in der Carsten Fock düstere Bilder vom idyllischen Berchtesgadener Land (mittendrin die einstige Hitlerresidenz Obersalzberg) zeichnet und der Israeli Amir Yatziv ein Hausmodul vorstellt, das schon Hitlers Leib-und Magen-Architekten Albert Speer vorschwebte.

Wundstoßen an der Wirklichkeit

Geschichte, Gegenwart, Zukunftsfragen werden eng verwoben in dieser Ausstellung, knapp drei Monate vor der 8. Berlin Biennale der zeitgenössischen Kunst. Die NBK-Schau ist, neben dem Beleg, was die Künstler geleistet haben für das Geld aus öffentlicher Hand, auch ein Appell an die Stadt Berlin: „Give Us The Future“ sang eine von der konservativen Regierung genervte britische Punkrock-Band in den 1980er-Jahren. Zukunft fordern auch die unzähligen Kreativen dieser Stadt ein. Es sollen hier so zwischen acht- und zehntausend Bildende Künstler wohnen, einige können von ihrer Arbeit leben, sie haben florierende Galerien – hier und anderswo, sind präsent auf Biennalen, Messen, auf der Documenta. Sammler kaufen ihre Werke.

Der Ruf als Kunstmetropole indes kommt nicht allein von ein einigen Stars, ob sie nun Jonathan Meese, Katharina Grosse, Olafur Eliasson oder Simon Denny heißen. Das Image hält auch nicht jenes Dutzend Big Player-Galerien, deren Bilanzen nach Messen oder Gallery-Weekends Anlass für Champagner-Partys geben. Bei den meisten der bis zu 500 Galerien – oder sind es inzwischen nur noch 300?, auch hier gibt es keine Berliner Statistik – decken die Einnahmen kaum die Kosten. Etliche Idealisten der Branche stießen sich längst an der Wirklichkeit wund – und gaben auf: Bodhi Art aus Indien, Gitti Nourbaksch, Martin Klosterfelde, Andreas Wendt, der Projektraum Tanas...

Überhaupt, die Projekträume, jene freien, marktunabhängigen, wagemutigen Zusammenschlüsse von Künstlern: 150 gibt es in der Stadt, noch immer viele, aber es waren mal über 200. Die Kunstmesse abc bietet diesen Experimentalstätten alljährlich im September zwar ein Podium. Ansonsten aber sind sie auf sich selber angewiesen. Von dem, was Berlins Politiker gerne auch den ökonomischen Kunstboom nennen profitieren sie kaum.

Kunst oder Event?

Alle Welt schwärmt von der Kunstmetropole Berlin, sieht aber meist nur die Events. Die schiere Masse an Künstlern kann hier von der Kunst nicht leben. Selbige hängt am Tropf. Was in Berlin produziert wird, wurde meist von außen finanziert und so geht die Kunst auch dorthin. Hiesige Galerien machen ihre Geschäfte auf fernen Messen und mit Sammlern in Übersee. Generöse Reiche, förderwillige Bürger, auch im Mittelstand, gibt es wenige. Berlins Museen dürfen sich wegen der Geldnot nur ganz selten bedienen, dabei gehört die Berliner Kunst von heute doch in die Sammlungen, die nur Stückwerk bleiben oder auf private Stifter angewiesen sind.

Der Hype von der dynamischen Kunst-Stadt Berlin ist wohl eine Chimäre. Extreme Miet-Teurungen vertreiben Künstler aus ihren Quartieren, hinaus an die Ränder. Zudem macht fast jeder Kunstort sein Ding für sich. Es ist, als schleudere – bis auf das alljährliche Gallery Weekend im Mai und die Art Week im September – eine zentrifugale Kraft alles auseinander. Eine Kunststadt aber braucht einen (Master)Plan. Also einen richtigen Marktplatz. Aber in den muss man erst mal investieren. Der entsteht nicht durch Sonntagsreden über die Allianz von Kunst und Wirtschaft. Der Reichtum jedenfalls, sozusagen an kreativen Naturalien, ist da. Noch.