Necati Öziris Komödie „Die Vorhaut“: Ballhaus Naunynstraße verrennt sich mit „Vorhaut“

Eines an diesem Abend ist trotzdem interessant: die Vorgeschichte. Nein, nicht die davon, wie im Ballhaus Naunynstraße aus dem grottenschlechten Stück von Necati Öziri das grottenschlechte (Post)-Migrantenstadl „Vorhaut“ unter der Regie von Miraz Bezar wurde. Sondern seine Inspiration. Denn dass dieser Abend ein verspäteter Lachbeitrag zu dem sein soll, was vor zwei Jahren unter dem Namen „Beschneidungsdebatte“ durch die Öffentlichkeit rauschte, ist unverkennbar. Was war damals passiert?

Ein Vierjähriger bekam nach der rituellen Beschneidung Nachblutungen und musste in einem Kölner Krankenhaus behandelt werden. Nach den Ärzten nahm sich auch ein Gericht seiner an, untersuchte den Sachverhalt und urteilte, dass die Beschneidung des Jungen „Körperverletzung“ und zu verbieten sei. Das „Wohl“ und die „körperliche Unversehrtheit“ des Kindes lag dem Gericht im Sinn − das „Wohl“ und die freie Ausübung ihrer Religionen den islamischen und jüdischen Gemeinden, die heftig protestierten.

Wo fangen „Persönlichkeitsrechte“ an, wo hört „Religionsfreiheit“ auf?

Einige Wochen entspann sich eine schwierige, teils polemische, zumeist aber äußerst nachdenkliche, wichtige Debatte darüber, was Tradition, was Kulturwandel in einer Religion sein könnte, wo „Persönlichkeitsrechte“ anfangen und „Religionsfreiheit“ aufhört. Ein bisschen Vorhaut wurde zum großen Ding, was keineswegs läppisch oder aufgeblasen ist, sondern direkt in Kernbereiche religiösen Selbstverständnisses zielt. Und auch wenn der Bundestag die Gesetzeslage später zu Gunsten der Beschneidung milderte, sollte die Diskussion keineswegs zu Ende sein.

Der 26-jährige Autor Öziri aber, das darf man seiner gagsüchtigen Beschneidungsklamotte „Vorhaut“ ablesen, ist mit dieser Diskussion gar nicht glücklich, weshalb er ihr nun auch ein extraalbernes Partyhütchen aufpappt. Je dümmer, desto besser läuft also sein Uraufführungsabend im Ballhaus Naunynstraße, der eine Art Bühnen-Sitcom für alle Debattenblödel dieser Welt darstellt. Schrille Charaktere, schlechtes Spiel und schale Sprüche − all das liefert die Bühnenfamilie Bülükoglu reichlich: Tochter Ela wird am Silvesterabend hochschwanger ins Krankenhaus gebracht, da hängt das Personal schon halbtrunken in den Seilen. Verwechslungen und Missverständnisse setzen die erwartbare Geburt samt umstrittener Beschneidung also direkt auf Dummkurs.

Zum Judentum konvertierter Macho-Bruder

Abraham, der zum Judentum konvertierte Macho-Bruder, ist selbstredend für den Schnitt, ebenso Schwager Mohammed (tagsüber Familienvater, nachts schwuler Transvestit). Nur Christian, unterbelichteter „Biodeutscher“ im Clownskostüm, will kein Fitzelchen Haut seines Kindes missen. Während hinter einer Glaswand die Mutterblutblasen längst platzen, rasseln vorne also noch die Kalauer. Großmutter Elif quietscht wie ein alter Güterzug dazu, irgendein geistreicher Satz fällt nicht, das Publikum aber grölt. Am Ende löst sich das Problem dann von selbst: ein Hermaphrodit ist geboren! Lustig, was?

Vorhaut 10.−13.10., 20 Uhr, Ballhaus Naunynstraße, Tel.: 7545372