Berlin - Wie gut, dass es Neil MacGregor, dem derzeitigen Direktor des einzigartigen British Museum in London, nicht an Selbstbewusstsein fehlt. Ansonsten müsste er in den nächsten Tagen und Wochen unter der Wucht der Erlösungshoffnungen, die ihn erwarten, schier zusammenbrechen. In den ersten Reaktionen auf seine soeben bekannt gegebene Berufung als Gründungsintendant des Humboldt-Forums ist kaum eine Einschätzung unterhalb derjenigen zu vernehmen, dass er „der Ideale“ (Stiftung Preußischer Kulturbesitz) mit „universellem Wissen“ (Kulturstaatsministerin Monika Grütters) sei, um das völlig verfahrene Projekt doch noch zum Erfolg zu zwingen.

In der deutschen Museumswelt ist eine so personalisierte Euphorie sehr ungewöhnlich. Hier fiel schon auf, als Hermann Parzinger 2008 zum neuen Chef der Stiftung Preußischer Kulturbesitz wurde und dabei nicht nur als Archäologe und Kulturmanager, sondern auch als Judoka gepriesen wurde. MacGregor dagegen ist solchen Celebrity-Status gewohnt. Seit vier Jahrzehnten agiert er mit Talent, machtpolitischem Ehrgeiz – der aber immer im Dienst der Breitenbildung steht –, fundierter wissenschaftlicher Expertise und großer Medienbegeisterung in einem Museumswesen, das dank Parlaments- und Beiratskontrollen weit öffentlicher ist als das deutsche.

Unumstritten ist auch Neil MacGregor nicht

Geboren 1946 in Glasgow, studierte MacGregor Deutsch und Französisch in Oxford, dann Philosophie an der Eliteuniversität École Normale Supérieure in Paris, schließlich Jura in Edinburgh und Kunstgeschichte am renommierten Courtauld Institute of Art in London. In den 1970ern lehrte er einige Zeit an der Universität von Reading und am Courtauld Institute, wurde 1981 Chefredakteur der bedeutenden Kunstzeitschrift The Burlington Magazine und 1987 Direktor der National Gallery in London. Sie ist die bedeutendste Gemäldesammlung der Welt, mit einer systematischen Tiefe, wie man sie sonst nur in der – allerdings deutlich kleineren – Berliner Gemäldegalerie findet.

MacGregor führte die National Gallery zur bis heute andauernden Blüte, mit Sonderausstellungen, einem intensiven didaktischen Programm und dem Ehrgeiz, die Besucher klüger aus dem Haus zu lassen, als sie hereingekommen sind. So kam Großbritannien unter anderem zu ersten Ausstellungen über den Berliner Architekten Karl Friedrich Schinkel oder über Caspar David Friedrich. 2002 gelang ihm dann der Sprung auf den einzigen Posten, der im britischen Museumswesen noch höher bewertet wird: Die Beiräte des British Museum wählten MacGregor zum neuen Direktor dieser einzigartigen, mehr als 250-jährigen Institution, diesem Schatzhaus der Weltkulturen. Er setzte durch, dass der Depotneubau direkt neben den Ausstellungsräumen entstand, dass so manche Ausstellung modernisiert wurde.

Allerdings fügte Neil MacGregor sich auch der Forderung der Politiker, mehr Einnahmen zu generieren, obwohl das Haus keinen Eintritt erheben darf. So wurde sogar der kleine, aber hoch beliebte und als Zeichen der aktiven Forschungstätigkeit des Museums wichtige Kunstbibliotheksraum zum Museumsshop. Dass der Shop inzwischen billige Massenware führt, die Ausstellungen oft weniger tiefgründig sind, als man sie in einem solchen Haus erwarten darf, Touristen in immer stärkerem Maße das Zielpublikum bilden statt Londoner und Briten – das alles kritisieren viele Mitarbeiter hinter der Hand. Sie fürchten um die Identität und soziale Verankerung des Hauses, sehen die inneren Gräben, die im Haus entstanden sind. Andererseits ist MacGregor derjenige, der mit Radio- und Fernsehbeiträgen, auch der klug wägenden Abwehr von undifferenzierten Rückgabe-Ansprüchen das British Museum zu dem Welt-Museum gemacht hat.

Neil MacGregor ist einer der rar gewordenen europabegeisterten Briten. Und er kennt Deutschland mit einer kulturellen Intimität, die die britische Oberschicht mit dem Beginn des Ersten Weltkriegs aufgegeben hat. Nicht zuletzt deswegen frohlocken so manche vor allem im rechten politischen Lager über den Weggang: Einer weniger, der in London mit Artikeln, Radio- und Fernsehsendungen mahnt, dass Britannien immer nur dann Erfolg hatte, wenn es mit Europa in Übereinstimmung stand. Nicht zufällig berichtete im vergangenen Jahr eine der erzkonservativen Londoner Boulevardzeitungen als erste über die seit Monaten laufenden Verhandlungen mit Neil MacGregor, in die sich sogar Bundeskanzlerin Angela Merkel persönlich einschaltete. Anders war er wohl auch nicht zu haben. Schließlich weiß MacGregor genau, welche Probleme vor ihm stehen.

Seit zwei Jahrzehnten zerfleischt sich die deutsche Kulturpolitik in der Debatte um den Nachbau der barocken Schlossfassaden. Über das, was hinter den Fassaden geschehen soll, wurde in London, New York, Paris oder Wien debattiert. In Berlin hingegen hielt man die Verteilung des Platzes an die Nutzer, an die Museen der Stiftung Preußischer Kulturbesitz, an die Humboldt-Universität, bis vor kurzem auch an die Berliner Zentral- und Landesbibliothek sowie das Gerede über eine „Agora“ schon für eine Erfolgsgarantie. Dass diese Institutionen sprachlos nebeneinander her planen, die Räume vom Architekten Franco Stella teilweise regelrecht dysfunktional geplant wurden, die Betriebskosten nicht gesichert sind, die Ausstellungskonzepte oft aus dem vergangenen Jahrhundert stammen, keine Beteiligung des Publikums vorgesehen ist – all dies wurde lange ignoriert.

Neil MacGregor soll das Ruder nun herumreißen. Keine kleine Aufgabe. Er soll nämlich nur der erste von drei Intendanten sein, neben dem Preußen-Stiftungspräsident Hermann Parzinger und dem einflussreichen Kunsthistoriker Horst Bredekamp. Dass MacGregor angesichts dieser Machtkonstellation zunächst nur für zwei Jahre berufen wird – viel zu wenig Zeit, um die Probleme zu lösen –, macht erst einmal skeptisch. Gegenüber der britischen Presse betonte Mac Gregor seinen Rückzug vom Britischen Museum denn auch mit der Entscheidung, nicht mehr Vollzeit arbeiten zu wollen. Für das Humboldt-Forum wird er mit einem Beratervertrag tätig.

Befreit von Preußenseligkeit

Die künftige Unabhängigkeit von den Institutionen kann MacGregors Position im Spiel der Kräfte aber auch stärken. Der dritte Partner im Bunde, der Berliner Regierende Bürgermeister Michael Müller, ist bisher überhaupt noch nicht eingebunden. Müller war es auch, der vor drei Wochen die Fundamentlosigkeit der bisherigen Nutzungskonzepte radikal erkennbar werden ließ. Ad hoc beschloss er, in den Berlin zustehenden Räumen eine ominöse stadthistorische Ausstellung einziehen zu lassen. Noch wenige Tage zuvor galt auch dem Senat die von der Zentral- und Landesbibliothek geplante Ausstellung zur „Welt der Sprachen“ als angeblich unabdingbarer Teil der Forumsplanungen.

Die Aufgabe, vor der MacGregor steht, ist in ihrer Bedeutung kaum zu überschätzen. Und die Widerstände sind es kaum weniger. Doch er kennt sich aus mit den machtpolitischen Spielen großer Institutionen, und er liebt die Sammlungen, die Geschichten, die man mit ihnen erzählen kann. Seine Berufung ist also hoffentlich der erste Schritt, um das Humboldt-Forum endlich den Fassadennachbauern zu entreißen. Es muss zu einem Museum werden, das nicht nur ein touristischer Magnet ist, sondern ein Instrument, um Breitenbildung zu betreiben und Klugheit zu erzeugen. Das Humboldt-Forum muss dazu aus der Klammer der Kunstkammer- und Preußenseligkeit befreit werden und zum Weltmuseum werden, das über die historische Bedingtheit der heutigen Welt erzählt. Wohl nur der multikulturell bewanderter Brite, der mit vielen Kollegen zusammen das grandiose Buch „Eine Geschichte der Welt in 100 Objekten“ schrieb, kann diese Ur-Funktion von Museen wieder ins Land der Humboldts zurück bringen. Willkommen also im kleinen Berlin, Neil MacGregor.