Berlin - Es ist nur ein Gerücht, aber eines, das sofort inspiriert: Der Direktor des British Museum, Neil MacGregor, soll Gespräche mit Angela Merkel und Kulturstaatsministerin Monika Grütters über die künftige Intendanz des Humboldt-Forums geführt haben. Echte Bestätigungen gibt es dafür von keiner Seite, das wäre auch überraschend. Aber MacGregor in Berlin – das wäre eine Sensation, welche die vielen konzeptionellen und technischen Schwachpunkte, die das Humboldt-Forum und sein gewaltiger Betonkistenbau haben und längst das Rennomee dieses bedeutenden Projekts bedrohen, schlagartig in den Hintergrund drängen könnten.

MacGregor ist ein Pop-Star der Museumsszene. Der 1946 in Glasgow Geborene hat in Oxford, London und Paris Kunstgeschichte, Französisch und Deutsch studiert, wurde 1981 Herausgeber des Burlington Magazine, einer der bedeutendsten Fachzeitschriften der Kunstwissenschaft, 1987 Direktor der Londoner National Gallery, 2002 Direktor des British Museum, die jeweils eigene Kategorien im Museumsranking bilden. Er hat Radiosendungen mit Millionen von Fans gemacht, die Bücher wie „Eine Geschichte der Welt in 100 Objekten“ sind Megaseller.

In Großbritannien werden Museen weithin als allgemeiner Bildungs-Besitz betrachtet, eifersüchtig verteidigt auch MacGregor den freien Eintritt. Ein Mann, der ausgleichen kann, der aber auch Visionen hat, langfristige Perspektiven, der etwa den Neubau des Depots mitten im British Museum durchsetzte – statt der auch dort wie in Berlin immer noch geplanten Verlagerung der Sammlungen in Außendepots.

Jenseits der Pensionsgrenze

MacGregor ist jetzt 68 Jahre alt, bei einer planmäßigen Eröffnung des Humboldt-Forums 2019 wäre er 73. Also weit jenseits der Pensionsgrenze – die für den Direktor des British Museum allerdings nicht gilt, dort amtiert er so lange, wie er und die Trustees, die Beiräte des Museums, es wollen. Zudem hat die Bundesrepublik genauso wie viele andere Länder mit dem Engagement von kulturaffinen, im Dienst der Gesellschaft erfahrenen älteren Herren und Damen meist vorzügliche Erfahrungen gemacht. Sie stehen weder wirtschaftlich noch karrieretechnisch unter Druck, können frei reden, kennen aber die politischen Fallstricke und die des Verwaltungs- und Dienstrechts. Sie haben gelernt, dass es sich lohnt, gute Mitarbeiter auch machen zu lassen, sind aber oft voller noch unerfüllter Ideen.

Die einstige Bundesverfassungsrichterin Jutta Limbach hat so das Goethe-Institut durch die schweren Jahre der Schröder-Regierung und seiner Bildungsfeindlichkeit gesteuert, ihr Nachfolger Hans-Dieter Lehmann baut es derzeit zur einstigen Weltbedeutung wieder auf, das Jüdische Museum in Berlin wäre ohne die Tätigkeit von Michael Blumenthal wohl eine provinzielle Minderheiten-Institution geblieben.

In Großbritannien würden einige den Schotten MacGregor wohl gern nach Deutschland loswerden. Besonders konservativen englischen Kulturpolitikern ist er zu weltläufig, kann er zu viele Sprachen, ist zu Europa- und Deutschland-begeistert. Der Riesenerfolg seiner aktuellen „Germany“-Ausstellung gilt hier als Zeichen von Schwäche vor Merkel. Sicher nicht zufällig wurde das Gerücht über den Wechsel nach Berlin in der betont englischen und erzkonservativen Sunday Times lanciert.

Ein eingefleischter Liberaler

MacGregor gilt politisch als eingefleischter Liberaler, dem es gar nicht genug Vielfalt geben kann. Aber er ist auch keineswegs unumstritten in der liberal getönten Kultur- und Museumswelt Großbritanniens: Das British Museum werde, hört man immer wieder, mehr und mehr von einer traditionellen Bildungsinstitution, in der es um die Produktion und Vermittlung neuen Wissens ging, zu einer, die vor allem große Publikumszahlen generieren soll.

MacGregor muss also nichts mehr werden. Er ist auf dem Zenit des Möglichen. Und er kennt die Fallstricke des deutschen Kulturföderalismus, war im Gespräch als künftiger Präsident der Stiftung Preußischer Kulturbesitz, dann als Generaldirektor der Berliner Staatlichen Museen. Und blieb in London. Er kennt nämlich auch die teils jahrzehntelang währenden Eifersüchteleien, die tiefen Strukturprobleme der Preußen-Stiftung. Und als Intendant des Humboldt-Forums müsste er bis hinunter in die Vitrinengestaltung eingreifen, wie es derzeit scheint. Für das Projekt wäre eine solche Kraft mit Talent und Beziehungen wahrscheinlich ein Segen. Aber warum, ist die Frage, sollte MacGregor es sich antun?