Neil Young entspannt sich in einem Hotel in Tokio, März 1976.
Foto: Getty Images/Koh Hasebe/Shinko Musi

BerlinEin neues Album von Neil Young sollte eigentlich kein Blut in Wallung bringen. Das hat zunächst gar nichts mit der Qualität seiner Arbeit zu tun. Der 74-jährige, seit kurzem erst US-naturalisierte Kanadier, hat seinen Denkmalsitz im Singer/Songwriter-Pantheon in den letzten fünf Dekaden oft genug verteidigt. In den letzten zehn Jahren hat er jedoch an die 20 Alben veröffentlicht. Etwa die Hälfte davon erschienen in der sogenannten „Archives“-Reihe, in der er wie Bob Dylan mit den „Bootlegs“ seine gesammelten Privataufnahmen veröffentlicht. Die andere Hälfte bestand zu einem Großteil aus neuen Songs zu drängenden Themen – sein Hybrid-Auto, das gefühlsechte Digitalformat, Krieg, Farmsterben, Ökokalypse – die oft eilig wie Tweets rausgehauen schienen.

„Homegrown“ fällt daher gleich doppelt auf. Es gehört zu den wenigen – wie etwa „Le Noise“, „Psychedelic Pill“ und „Americana“ – musikalisch gelungenen und künstlerisch bedachten Werken dieser Zeit. Zugleich handelt es sich um einen echten Archivknaller, nämlich ein auf Eis gelegtes Original aus dem Jahr 1975. Anders als jene des 2017 gehobenen Archivalbums „Hitchhiker“ sind hier die Songs wesentlich unveröffentlicht, nämlich sieben von zwölf.

„Homegrown“ hängt an der Handvoll Alben, die unter Fans wegen ihrer trüben Stimmung als „Ditch Trilogy“, Musik aus dem Straßengraben, bekannt wurden. Sie entstanden im Comedown von „Harvest“, Youngs viertem und bis heute erfolgreichstem Solo, das ihm 1972 auch dank „Heart of Gold“ seine einzige Spitzennotierung in den US-Charts brachte. Es habe ihn, schrieb Young 1978 für die Rückschau „Decade“, in die „middle of the road“ geführt – „ein langweiliger Ort, und da bin ich in den Graben gefahren, ungemütlich, aber mit interessanteren Leuten“.

Diese lebten allerdings auch riskanter. Die Tour, auf der 1973 „Time Fades Away“, ein rumpelndes Live-Album mit neuen Songs, aufgenommen wurde, ging in kokaingereizten Bandstreitereien und Buhrufen des Publikums unter. „Tonight’s the Night“ verarbeitete 1973 den Herointod zweier seiner Freunde, des Gitarristen Danny Whitten und des Roadies Bruce Berry. Der Song klang derart bröcklig und kaputt, dass Young selbst die Veröffentlichung zwei Jahre aufschob. Stattdessen brachte er erst mal „On the Beach“, für viele (mich eingeschlossen) sein bestes Album. Es greift zwar die rotäugige Sperrstundenstimmung der Vorgänger auf, filtert sie aber zu einer eher apart genervten Weltmüdigkeit über Startum, Ölindustrie und Medien – ein sarkastischer Abgesang auf die Ideale der späten Sechziger.

„Homegrown“ entstand während der Trennung von der Schauspielerin Carrie Snodgress, der Mutter seines ersten Sohnes Zeke. 1975 erschien es Young daher zu persönlich. Musikalisch hält Young das weitgehend akustische Album einleuchtend für das Verbindungsstück zwischen „Harvest“ und dem ähnlich stabil gelagerten (und entsprechend erfolgreichen) Countryrock von „Comes a Time“ von 1978. Tatsächlich klingt sein insgesamt abgeklärter Ton eher wie eine Brücke über die Ditch-Düsternis. Und gleich im ersten Titel dockt Young gewissermaßen an „Harvest“ an. Dort hatte er Carrie Snodgress, die er 1970 in ihrer Oscar-nominierten Rolle in „Tagebuch eines Ehebruchs“ gesehen hatte, im zerbrechlich und kontrovers großorchestralen „Man Needs a Maid“ umworben.

„Homegrown“ beginnt nun mit den getrennten Wegen von „Seperate Ways“, das man ohne weiteres zu Youngs Klassikern sortieren kann. Melancholisch schlappend von Levon Helm betrommelt, die Harmonien sacht geöffnet, Ben Keiths Steelgitarre zart winselnd, singt Young darin von der vergangenen Liebe und der sich weiter drehenden Erde. Wie das folgende, schluffig rollende „Try“, mit Emmylou Harris als soulvollem Uuhuu-Chor, zeigt es Youngs recht unnachahmliche Gabe, wehmütige Rückschau eingängig mit zarter Hoffnung zu verbinden. Zweimal, zur einsamen Klavierbegleitung im Fluchttitel „Mexico“, im sparsamen Gitarrenstück „Kansas“, greift er sich sehr ungeschützt und berührend ans Herz – wie ein fernes Echo von „Tonight’s the Night“.

Den schon recht großen Liebes- und Herzbruchliedern stehen allerdings auch ein paar arg laue Nummern gegenüber, das brummende Geschunkel des – schon bekannten – Titelstücks, oder der thematisch verwandte Rumpelblues „We Don’t Smoke It“, der nicht nur hörbar gelogen ist, sondern damit vielleicht auch die gewisse Luftigkeit des Albums erklärt (wenn auch nicht ganz die bizarr frei drehende Spoken-Word-Erzählung „Florida“).

Sagenhaft ist „Homegrown“ also eher nicht. Aber es fügt sich dennoch fast verlustfrei in den erstaunlichen Reichtum und die tonale Sicherheit von Youngs Werken aus der ersten Hälfte der Siebziger – die er auf Albumlänge später nur noch selten erreichte. Kein Grund, die Geschichte umzuschreiben, neue Einsichten gewinnt man nicht. Die Lücke, die es vielleicht schließt, war wohl den wenigsten Fans aufgefallen und ist im Lauf der Jahrzehnte definitiv zugewachsen. Man wünschte sich daher, er hätte es damals veröffentlicht.

Neil Young – Homegrown (Reprise/ Warner)