Neil Young Konzert Waldbühne: Als ob der Rock'n'Roll niemals sterben könnte

Neil Young ist immer für eine Überraschung gut. Ungefähr in der Mitte seines naturgemäß wundervollen Auftritts in der Waldbühne spielt er ein neues Lied, einen recht typischen Countryrock namens „Singer Without a Song“. Von der Seite her tritt eine junge Dame mit einem Gitarrenkoffer auf. Sie läuft gemessenen Catwalk-Schritts einmal quer über die Bühne, verharrt einen Moment, stellt den Koffer ab. Man denkt, aha, eine Gastmusikerin zum Auflockern des dichten Lärms, unter dem sich Young und seine drei Crazy-Horse-Männer seit einer Stunde buckeln. Stattdessen nimmt sie den Koffer wieder auf, geht ab und bleibt fort.

Diese tolle Inszenierung ist einer von zwei Hinweisen an diesem Abend darauf, dass man es hier mit so etwas wie Pop-Entertainment zu tun hat. Später wird noch ein Keyboard in wallendem rosa Tuch von der Decke herabschweben, das Crazy-Horse-Gitarrist Frank „Poncho“ Sampedro alsdann im Schaukeln bedient.

Erwartungen einer Wunsch-Setlist enttäuscht

Man weiß nicht recht, ob Young mit diesen spektakulär ungelenken Einlagen den Ausstattungsanforderungen im Hochleistungssegment gerecht werden will – immerhin ist die 80 Euro teure, sündhaft nasskalte Veranstaltung mit gut 20 000 Leuten ausverkauft. Oder ob sie eher darauf hinweisen sollen, dass er solche Ablenkungen von der Musik albern findet. In erster Linie illustrieren sie daher nur, dass Neil Young eben ohne Rücksicht auf falsch verstandene Würde oder seinen Superstar-Status tut, was er will. Und dass sein Wollen mitunter recht rätselhafte Züge trägt.

Man muss zum Beweis gar nicht in die Siebziger- oder Achtzigerjahre zurückgehen, als er seinen Mainstream-Erfolgen grandios sperrige Lo-Fi-Alben wie die depressive, sogenannte Ditch Trilogie folgen ließ oder seltsame Rockabilly- und Elektro-Anwandlungen mit Vocodereinsatz. Allein in den letzten vier Jahren hat er albumlang sein Elektroauto gefeiert, eine höchst beeindruckende Übung in Gitarrennoise veröffentlicht, wunderliche, seltsam lustige Folkloreklassiker hingejammt, und zuletzt erschien im letzten Herbst das gewaltige, anderthalbstündige „Psychedelic Pill“, eines der besten seiner 35 Studioalben seit 1968.

Man muss sich daher nicht wirklich über die recht verschrobene Idee wundern, in der Waldbühne eine innige Version von „Blowin’ in the Wind“ zu spielen. Andererseits versteht es Neil Young, sogar dieses vermutlich einzige unwiederbringlich verlorene Stück aus Bob Dylans Katalog unerwartet selbstverständlich unterzubringen. Man kann das vielleicht im Kontrast zu dem letztwöchigen Konzert von Eric Clapton erklären, jenes knapp gleichaltrigen Legendenkollegen von Young: Wo Clapton selbst rare Bluescover wie satt abgehangene Ladenhüter serviert, kann Young noch den letzten Schlager in ein bewegliches, inspiriertes Set integrieren. Der eine ist ein solider Handwerker. Der andere ist ein Künstler.

Auch sein eigenes „Heart of Gold“ gehört vermutlich nicht zu den Songs, die der Young-Fan im Konzert dringend hören will. Aber in der Waldbühne klingt es für einen Moment zwar nicht wie neu, aber immerhin sehr lebendig strahlend, weil es ganz organisch zum Auftritt gehört und nicht als populistische Geste angeboten wird. Daher könnte man schon sagen, dass Neil Young konsequent Erwartungen enttäuscht. Vermutlich hat jeder der Anwesenden eine Wunsch-Setlist im Kopf, die weitgehend von der tatsächlichen abweicht.

Young gehört zu den wenigen Musikern, deren Konzert mit zwei Stunden noch bedauerlich kurz erscheint. Statt eines auch nur angedeuteten Greatest-Hits-Programms beschäftigt er sich zudem ein gutes Drittel des Abends mit Songs von dem letzten Album, wobei natürlich allein das mächtige „Walk Like a Giant“ mit seinen an- und abschwellenden Geräuschpassagen schon eine Viertelstunde dauert.

Youngs Gitarre und Stimme

Das wiederum erscheint bis in die letzte kreischende Sekunde nicht nur deswegen vollkommen angemessen, weil es wie der Rest des Albums Young mit bald 68 Jahren in bester kreativer Form zeigt; sondern auch, weil es die reine Freude ist, ihn mit seinen drei anderen alten Säcken in inniger, energischer Eintracht zu beobachten. Fast ein Jahrzehnt lang, seit „Greendale“ von 2003, hat Young nicht mehr mit den Crazy Horse gespielt, aber wie sie sich so gemeinsam durch ihre Songs schreddern – das klingt schon ziemlich sagenhaft miteinander verwachsen.

Bassist Billy Talbot und Drummer Ralph Molina rumpeln beseelt und unbehauen kraftvoll ihren Rhythmus in die übereinander gelärmten Gitarren. Sampedro, der über den stattlichen Bauch ein kleidsames Hendrix-T-Shirt gespannt hat, und Young, in sackigem Schwarz mit Hut über dem fussligen Haar, stehen dabei meist fast aneinander gekuschelt und freuen sich über ihr schrilles Splittern oder das dunkle Gebrumm und Gesäge, wenn sie in völliger Sinnverlorenheit Stücke wie „Fuckin’ Up“ in langen Outros zerbröckeln lassen. Die große Kunst besteht dabei natürlich darin, in dem lauten, verzerrten Geschepper die eindringliche Melodik von Buffalo Springfields „Mr. Soul“ bis zur Zugabenhymne „Like a Hurricane“ zu bewahren, und es gibt kaum einen emblematischeren Rockmoment als die hohen Töne von Youngs Gitarre und Stimme, die in den trüben Himmel steigen.

Youngs Performance kann man dabei nicht gerade als zutraulich bezeichnen. Aber immerhin lockert er – anders als wiederum der apathische Clapton – den Abend wenigstens durch amüsiert grämliche Seufzer auf und beschwert sich, dass es nicht dunkel wird. Dazu sieht er eigenartig niedlich aus, wenn er mit gekrümmtem Rücken und merkwürdig verhutzelt seine kurzen Wege von Sampedro zur Bühne oder den Drums und zurück rockt. Doch so selbstverständlich Young als die entscheidende Figur auf der Bühne steht und so eindringlich und persönlich sein Ton klingt, lebt der Auftritt ganz von einer imposant archaischen Banddynamik, vom Verständnis füreinander und dem Spaß miteinander. Noch die albernste Idee wirkt in diesem Zusammenhang einleuchtend.

Prachtvoll zwischen dunkler und heller Verzerrung kontrastierend knarrt die Band am Ende des Hauptteils „Hey Hey, My My“, einst Youngs Schulterschluss mit dem Punk. Der Refrain lautet ja tatsächlich „Rock’n’Roll will never die“! Aber als vielleicht größte Überraschung klingt das am Ende dieses schönen Abends fast wie eine realistische Möglichkeit.