Die geschlechtergerechte Sprache will vor allem eins: Vielfalt sichtbar machen.
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BerlinKleine Presseschau des Sommers gefällig? Der neue Duden ist erschienen und will mit Wörtern wie „genderneutral“, „Gendersternchen“ und „inklusiv“ den „jüngsten Entwicklungen im Wortschatz der deutschen Gegenwartssprache in bewährter Weise Rechnung“ tragen. Bravo, willkommen im Jahre 2020!, denke ich mir.

Die flottgemachte Fassung des Standardwerks unserer Muttersprache möchte ich natürlich absolut begrüßen. Gleichzeitig ist es bezeichnend, dass die Duden-Redaktion nicht sehr viel Mühe investiert, um auf die Dringlichkeit geschlechtsneutraler Sprache hinzuweisen. Auf gerade mal drei Seiten, also auf insgesamt 0,2 Prozent des Buches, erklärt sie, wie man das Gendersternchen richtig einsetzt. Offenbar nervt das Gendern den (Altherren-)Verein Deutscher Sprache (VDS). Nur so ist zu erklären, warum dessen Vorsitzender, Professor Walter Krämer, nach der Veröffentlichung des Werkes verkündet hat, es müsse Schluss damit sein, „dass Einzelne von oben herab entscheiden wollen, wie sich Sprache zu entwickeln hat“. Viele glaubten nun, „dass Gendersternchen und ähnliche Konstrukte echte Bestandteile der deutschen Sprache seien“. Ich frage mich da: Warum so schlecht gelaunt, Herr Krämer?

Die Debatte um diesen „Gender-Kram“ geht in eine neue Runde. „Na endlich!“, denke ich. Die Diskussion dreht sich schließlich schon seit Jahren im Kreis und am Ende ist und bleibt doch der immer gleiche Konsens: Die männliche Form, das generische Maskulinum, soll immer dann verwendet werden, wenn „beide“, ja alle, Geschlechter mitgemeint sind. Die Abkehr davon wäre die Akzeptanz einer geschlechtergerechten Sprache, die vielen Menschen immer noch ein Graus ist.

Sprache schafft Wirklichkeit

Möglichkeiten gibt es ja genug, um die Gleichstellung der Geschlechter in der Sprache zu betonen: zum Beispiel die Doppelnennung (Lehrer und Lehrerinnen), das Binnen-I (LehrerInnen), das Gendersternchen (Lehrer*innen) oder der Gender Gap (Lehrer_innen). Insbesondere die beiden letztgenannten Varianten zeigen besonders gut die geschlechtliche Vielfalt unserer Gesellschaft abseits von Mann und Frau. Das wäre dann aber eine sprachliche „Genderisierung des Alltags“, an der sich insbesondere Männer wie Professor Krämer immer noch stören.

Der Verein Deutscher Sprache ist eh ein richtiges Paradebeispiel für Geschäftsgewandtheit und glaubt ganz ernsthaft, unser Kulturgut ließe sich für die Ewigkeit konservieren. Erst im vergangenen Jahr lautete die Devise im hauseigenen Manifest, unterstützt durch prominente Sprachbewahrer*innen (pardon, Sprachbewahrer!), wie folgt: „Schluss mit dem Gender-Unfug.“ Hochbesorgte Männer, gemeinsam mit einigen Frauen, warnen in dem Schreiben vor vermeintlich lächerlichen Sprachgebilden und inkonsequenter Sprachnutzung und konstatieren: Gendergerechte Sprache beruhe auf einem Riesenirrtum, verzerre die Sprache und trage zu den Frauenrechten kein bisschen bei. Und dann, klar, wird noch eine ganz berühmte Quotenfrau ins Feld geworfen: Angela Merkel, die es trotz Männersprache ja schließlich bis hin zur Kanzlerschaft geschafft habe.

Der VDS rief ganz offiziell zum Widerstand auf. Da frage ich mich: Wird aus dem starken Mann tatsächlich ein weiches Männlein, wenn Frauen und nicht-binäre Mitbürger*innen nicht nur mitgedacht, sondern explizit auch angesprochen werden? Ist es nicht ein Armutszeugnis für unsere Gesellschaft, wenn Gendersternchen als „Verrenkungen der Sprache“ und Formulierungen wie „Kundin“ (statt Kunde allein) für große deutsche Verbände einer sprachlichen Kamikaze-Tat gleichkommen?

Denn nicht nur der VDS empört sich, sondern auch andere einflussreiche Institutionen – wie etwa der Deutsche Sparkassen- und Giroverband (DSGV). Seit Jahren führt er gegen die Frauenrechtlerin Marlies Krämer einen kleinkarierten Rechtsstreit. Die Kundin (!) möchte auf Formularen als Frau erkennbar sein und eben nicht als männlicher „Kunde“ angeschrieben werden. Kann man es ihr wirklich vorwerfen? Sie zog deshalb bis vor den Bundesgerichtshof. Wie bei allen Vorinstanzen wurde aber auch hier ihre Klage 2018 abgelehnt. Die offizielle Begründung: Die männliche Ansprache allein verstoße nicht gegen das Gleichbehandlungsgesetz.

Man stelle sich einmal die Reaktionen in vertauschten Rollen vor: Sparkassenkundin Max Mustermann muss seinen Kreditantrag als Kundin und nicht als Kunde unterschreiben. Wie groß wäre da die Empörung? Ich frage mich, wie viele Klagen und Beschwerdebriefe den DSGV in diesem Fall erreicht hätten. Die Argumente der selbsternannten Sprachbewahrer*innen greifen in die Mottenkiste der Geschichte: Das generische Maskulinum sei geschlechtsneutral, eine „historisch gewachsene Übereinkunft“ und eben keine Diskriminierung. So lautet auch die einhellige Meinung der Amts- und Landesgerichte, die Krämers Klagen in ersten Instanzen abgewiesen hatten.

Schon immer heißt nicht für immer

So zeigt sich wieder einmal die schreiende Ungerechtigkeit in unserer Gesellschaft. In einer Welt, in der Männer immer noch mehr Macht als Frauen haben, bleibt das Maskuline die Norm, jede noch so kleine Anpassung wird zum Sonderfall. So bestimmen wieder Männer, wann Sprache für alle Nicht-Männer diskriminierend ist. Und wann eben nicht. Ich kann das nicht verstehen. Oder so gesagt: Wo ist das Problem, ein paar Bankformulare zu ändern? Warum will man stattdessen lieber einen jahrelangen Kleinkrieg um ein paar Worte und Endungen führen? Es bleibt dabei: Deutsche Sprache, Männersprache.

Es wird vergessen, dass Sprache sich fortwährend entwickelt. Sie ist keine Momentaufnahme einer stillstehenden Gesellschaft. Sprache ist nicht nur historisch gewachsen, sondern vor allem anpassungsfähig. Dieser „Gender-Unfug“, der so viele Männer (und auch einige Frauen) nervt, ist nichts anderes als das bewusste Augenöffnen vor der Tatsache, dass es neben der männlichen auch noch andere Normen und Geschlechter gibt. Geschlechter, die vielleicht anders sind, aber deshalb nicht weniger greifbar oder sichtbar. Dieser „Gender-Unfug“, um den viele Feministinnen und Feministen jetzt kämpfen, will sichtbar machen, dass es nicht nur eine Norm, sondern viele nebeneinander existierende Normen gibt. Wer das nicht versteht, versperrt sich vor der Realität.

Und dann kommt noch ein anderer, viel wichtigerer Aspekt hinzu: Diejenigen, die das Gendern nicht akzeptieren wollen, verstehen und sehen ihre eigenen Privilegien nicht. Oder ist es reiner Zufall, dass sich ausgerechnet vor allem Männer über die Genderisierung aufregen? Dass Männer auch hier mal wieder am lautesten brüllen, am besten Bescheid wissen, am richtigsten recht haben.

Viele Männer ahnen, dass sich die Gesellschaft ändert. Sie haben wohl Angst davor. Was bleibt dem deutschen Bratwurst-Fetischisten, dem testosterongeladenen Alleskönner, dem teutonischen Manne noch, wenn aus seiner Männersprache eine egalitäre, gerechte Wir-Sprache wird, die die Pluralität der Gesellschaft – die blanke Realität – abbildet? Wenn Frauen und non-binäre Mitbürger*innen nicht nur mitgemeint, sondern explizit angesprochen und damit sichtbar werden? Unsere Sprache wäre damit inklusiver, das sichtbare Privileg weniger Männer würde sich zum Gemeingut der ganzen Gesellschaft entwickeln. Wer sich daran stört, wen das nervt, der bleibt ein Ewiggestriger, gefangen im eigenen Ego-Denken. Ein schlichter Schwarz-Weiß-Film neben dem schillernden Instagram-Stream der modernen Welt. Obendrein wird immer wieder vergessen: Auch das generische Maskulinum ist Gendern. Nur richtet es sich am Prototypen unserer Welt aus: dem Mann.

Schlüssel zur Gleichberechtigung

Zugegeben: Nicht nur Männer verteidigen das generische Maskulinum, auch Frauen tun es, sogar junge. Erst vor kurzem veröffentlichte der Schriftsteller Nele Pollatschek (Anm. der Red.: Aus Respekt vor Frau Pollatschek sprechen wir im Maskulinum, weil sie selbst nicht gegendert werden möchteeinen Bericht im Tagesspiegel, in dem sie sich gegen das Gendern wehrt. Ihre These: Gendergerechte Sprache sei sexistisch, weil sie immer auf die Kategorie Frau, also den Unterschied zwischen Frau und Mann hinweise und damit den Gleichheitsanspruch sprachlich unterwandere.

Außerdem, so Pollatscheks kontroverse These: Wenn Frauen immer mitgemeint sein wollten, um die Gleichheit aller Menschen voranzutreiben, müsste man auch auf andere Identitätskategorien verweisen – etwa auf Schwule, Schwarze, Juden und Jüdinnen. Pollatschek wendet ein: Das würde die Unterschiede größer machen, anstatt sie zu nivellieren. Gendern sei also in Wahrheit schädlich und diskriminierend. „Wenn es mich nicht gerade traurig macht, kann ich einen gewissen Humor darin entdecken, wie besessen Deutschland von Genitalien ist.“

Ein fadenscheiniges Argument. Nele Pollatschek will schlicht nicht wahrhaben, dass es um Differenzierungen geht. Beim Gendern geht es darum, Vielfalt sichtbar zu machen, weil auch unsere Gesellschaft nun einmal plural und vielfältig ist. Sprache ist Macht. Wenn sich also die Machtverhältnisse verändern sollen, muss auch die Sprache sich verändern. Für Nele Pollatschek und den „Verein Deutscher Sprache“ mag der Genderstern kein Bestandteil deutscher Sprache sein. Als Platzhalter, um die tatsächliche Vielfalt unserer Gesellschaft auszudrücken, eignet er sich allemal.

Auch diese Zeitung schreibt nicht geschlechtergerecht und muss sich die Frage stellen, inwiefern sie damit unsere Gesellschaft abbildet. Kann man überhaupt eine ganze Tageszeitung mit Gendersternchen schreiben? Ich finde, ja. Wer die Gleichstellung der Geschlechter will, sollte es zumindest einmal versuchen.

Gar keine Frage: Die Formen der Gender-Sprache sind nicht fehlerfrei und führen nicht automatisch zu mehr Gerechtigkeit in diesem Land. Doch darf das kein Grund sein, am Status Quo festzuhalten. Wen sprachliche Genderisierung nervt, der ist eben gerade kein*e Bewahrer*in unseres Kulturgutes, sondern steht ihm und seiner Entwicklung im Weg. Aus der Sprache der Dichter und Denker soll deshalb gern eine Sprache der Dichter*innen und Denker*innen werden. Dann käme einem statt Goethe und Schiller vielleicht auch Karoline von Günderrode oder Bettina von Arnim in den Sinn. Am Ende ist es doch so: Sprache schafft Bedeutung und Ewiggestrige bleiben bedeutungslos. Ja, ganz klar, die Zukunft gehört dem Genderstern.

Die Autorin Maxi Beigang, Jahrgang 1990, ist Volontärin der Berliner Zeitung und aktuell im Feuilleton ansässig.