Viele mittelalte, aber auch jüngere Menschen drängten sich am Mittwochabend im Astra in Friedrichshain, als hier die schwedische, in England lebende Sängerin Neneh Cherry auftrat, um ihr fünftes Album „Broken Politics“ zu bewerben.

Größtenteils handelte es sich um ein wohlerzogenes und überdurchschnittlich sympathisches Publikum; allein einige Damen auf dem Podium rechts neben dem Eingang hielten ein langes und lautes Teenagerpläuschchen voller Gackern und Instagram-Selfies, und das, obwohl sie gar keine Teenager waren, sondern etwa Mitte vierzig! Manch ein Zuhörer wandte sich verärgert um und dann ab, nur um die Damen dann in der Zugabe bei Cherrys zwei größten Hits, nämlich „7 Seconds“, ihrem 90er-Duett mit Youssou N’Dour, und natürlich dem tollen „Buffalo Stance“ besonders beseelt tanzen zu sehen.

Neneh Cherry: Wachsendes Interesse

Die meisten jedoch waren nicht nur da, um die Hits zu hören; so hat Cherry ja auch auf ihren letzten beiden Alben mit Produzent Kieran Hebden zusammengearbeitet, den man besser unter dem Namen Four Tet als Meister klackernder Global-Jazz-Techno-Ambiencen kennt, und wenn die Resultate auch nicht den kommerziellen Erfolg der späten Achtziger/frühen Neunziger widerspiegeln, besteht doch ein wieder wachsendes Interesse für Neneh Cherry; so musste das Konzert vom kleineren Festsaal Kreuzberg ins Astra hochverlegt werden.

Das liegt neben Hebdens Post-Trip-Hop-Landschaften auch an Cherrys Ausstrahlung, mit der sie politische Positionen, die auf dem Papier vielleicht etwas offensichtlich anmuten würden, in unser Bewusstsein transportiert und uns damit berührt: In dem Moment, da sie im Astra in einem weißen Gewand, priesterinnengleich, aber ohne dass dies irgendwie überheblich oder gar lächerlich wirkte, die Bühne betrat, schien sich das kollektive Herz des Auditoriums zu öffnen (außer bei den Instagram-Frauen). Bühnenpräsenz! Gute Vibrationen!

Apropos gute Vibrationen: ebenfalls im besten Sinne bühnenpräsent war Percussionistin Rosie Bergonzi an allen möglichen Instrumenten, aber eben besonders am Vibrafon, mit dem sie die Abgründe im düster balladesken „Synchronised Devotion“ ausfüllte. Wenig später sah man sie wiederum Bass, Keyboard oder Trommeln spielen. Der Rest der sechsköpfigen Band, insbesondere die hintere Reihe an laptopbedienenden Herren (inklusive Cherrys Songwriting- und Lebenspartner Cameron McVie) und einem Elektronik-Schlagzeuger blieben eher, nun ja, im Hintergrund.

Neneh Cherrys Stimme triftet nie ins Divenhafte

Wobei sie wesentlich dafür verantwortlich waren, die Four-Tet-Beats in all ihrer luftigen Knacksigkeit zu halten, was auch meist gelang, besonders in der aktuellen Single „Kong“, in der Cherry über Flüchtlingslager in Calais singt: hier glissierten Synthesizer in ein Krächzen hinein und kontrastierten die Leichtigkeit und Lückenhaftigkeit der Produktion, die einerseits in den 90er-Sounds von Neneh Cherrys Wohnort Bristol verhaftet blieben, andererseits durch ihren niemals anbiedernden Soulgesang die reine Trip-Hop-Hommage transzendierten.

Dass ihre Stimme eben bei aller Emotionalität nie in divenhaften Über-Soul abdriftet, liegt vielleicht an Cherrys Punk-Wurzeln: Als Teenagerin ging sie in den Siebzigerjahren aus dem Zuhause um ihren Stiefvater und Jazz-Mann Don Cherry und ihre Mutter, die Künstlerin Monika Karlsson, weg nach London und wurde unter anderem Teil der Band The Slits.

Verwirrende Welt

Punk, Soul, Reggae, HipHop, Elektronische Tanzmusik: diese Vermengung in Neneh Cherrys Musik dient der Darstellung einer verwirrenden, im Umbruch befindlichen Welt (das Hauptthema von „Broken Politics“), plädiert natürlich aber fürs Zueinanderkommen und gleichberechtigte Zusammenleben. Beziehungsweise: Cherry strahlt letzteres einfach aus, es wird selbstverständlich und scheint so einfach – selbst wenn die Musik nicht immer einfach ist.

Mit der Free-Jazz-Band The Thing machte Cherry in den Nullerjahren verhältnismäßig experimentelle Platten, und auch im Astra spielte sie das Titellied ihres letzten, den Tod ihrer Mutter verarbeitenden Albums, nämlich „Blank Project“, ein recht wüst und bassig hämmernder Aufbau.

Im Vergleich hierzu wirkte dann älteres Material wie „Manchild“ und die beiden Hits in der Zugabe eher flach, obwohl Cherry das Publikum in „Buffalo Stance“ schön lange hinhielt, bis endlich der Refrain einsetzte – aber nur zur Hälfte gespielt wurde! Egal: 1500 Menschen verließen den Saal inspiriert – bis auf einen, den man sagen hörte: „Wann spielt endlich wieder Eric Clapton?“ Vielleicht war er mit den Instagram-Frauen befreundet.