Jan Böhmermann sitzt bald in der ersten Reihe der TV-Unterhaltung.
Foto: Ben Knabe

BerlinHervorbringung von etwas Neuem genügte ihm als medialer Daseinszweck nicht allzu lange. Nachdem das Neo Magazin im Oktober 2013 im juvenilen Nischensender ZDF-Neo an den Start gegangen war, ermächtigte sich der Moderator Jan Böhmermann kaum 16 Monate später zu einer Art königlicher Rangerhöhung. Seither gilt Neo Magazin Royale als schonungsloses Interventionsmedium, das die Wirklichkeit nicht nur als Material benutzt, sondern auch danach trachtet, dieser so heftig wie möglich zuzusetzen.

Während Jan Böhmermann zunächst an die Vorbilder der amerikanischen Late-Night-Show angeknüpft hatte, deren hiesige Entsprechung lange von Harald Schmidt verkörpert wurde, übernahm der 38-jährige Moderator dessen Prinzip, in seriöser Erscheinung den forcierten Konventionsbruch zu wagen. Das vornehme Äußere ist dabei ein wesentlicher Bestandteil seiner  enormen Spannkraft aus Geistesgegenwart und glamouröser Täuschung.

Lauern und zuschlagen: Das ist Böhmermann

Während Charlie Chaplin seine Figur des Tramps aus dem Kleiderschrank des Komischen derart drapierte, dass nichts zueinander passt, tritt die Kunstfigur Böhmermann als aalglatter Entertainer auf, von dem man anzunehmen geneigt ist, dass er seine Laufbahn als Buchhalter eines Start-up-Unternehmens begonnen hat. Schlank, adrett und unauffällig.

Wie einst Harald Schmidt verhält er sich seinen Studiogästen gegenüber wohlwollend affirmativ. Er gibt sich als nüchterner Stichwortgeber, dem es in der stets zu kurz erscheinenden Gesprächszeit darauf ankommt, die Einzigartigkeit des Gegenübers herauszustellen. Die Kunst, sich zum Verschwinden zu bringen, vermag dann aber schnell umzuschlagen in die gnadenlose Bereitschaft, sich selbst zum Mittelpunkt des gedehnten Augenblicks zu machen. In seiner Nähe soll man sich wohlfühlen, in der Außenwelt aber kann alles zu seiner Beute werden. Es ist die Methode von Lauern und Zuschlagen.

Böhmermann brachte Erdogan in Rage

Jan Böhmermann ist ein Meister des Tempowechsels. Die berühmte, zur Staatsaffäre angewachsene Sendung, in der er ein sogenanntes Schmähgedicht auf den türkischen Staatspräsidenten Recep Tayyip Erdogan in der ausdrücklichen Absicht vortrug die Grenzen des Erlaubten und Sagbaren auszutesten, lebte von der schier endlos wirkenden Ausbreitung geschmackloser Gedichtfetzen – ein in die Länge gezogener Pennälerwitz.

Allerdings einer, der es in sich hatte. Böhmermann brachte Erdogan in Rage und Bundeskanzlerin Angela Merkel, die das Gedicht als „bewusst verletzend“ bezeichnet hatte, in arge Verlegenheit.  An den Show-Klamauk schlossen sich juristische Spitzfindigkeiten und eine  kontroverse Debatte an, in deren Verlauf die Rechtsgüter Kunstfreiheit, Persönlichkeitsschutz und Meinungsfreiheit gegeneinander abgewogen wurden. Böhmermann schrieb schließlich Rechtsgeschichte, indem sein Schmähgedicht mittelbar dazu führte, dass der Paragraf 103 des Strafgesetzbuches, der die Beleidigung von Organen und Vertretern ausländischer Staaten unter Strafe stellt, nach Beschluss des Deutschen Bundestages vom 1. Juni 2017 abgeschafft wurde. Einstimmig.

Auf permanente Reizung ausgerichtet

Den Aktivitäten des Zentrums für Politische Schönheit nicht unverwandt, ist Jan Böhmermann ein Aktionskünstler, der die Trümmer genießt, die er hinter sich anhäuft und sich dabei die Arbeitsmethoden von investigativen Journalisten zu eigen zu machen weiß, – etwa wenn er bis dato unter Verschluss gehaltene Rechtsgutachten über die politische Rolle der Hohenzollern veröffentlicht und damit der Auseinandersetzung um die umstrittenen Eigentumsansprüche des Adelshauses eine neue Dynamik verleiht. Aber wird er es mit dieser auf permanente Reizung ausgerichtete Alertheit auch ins Hauptprogramm des ZDF schaffen, wo Böhmermann vom kommenden Jahr an in der Nachbarschaft von Schlagerfreundin Carmen Nebel und dem moderierenden Ex-Koch Horst Lichter reüssieren soll?

Vielleicht ist es auch eine gezielte Programmoffensive des ZDF, das den anarchischen Charme Böhmermanns dazu nutzt, sich einer neuen Mediengewissheit zu stellen. Im Fernsehen hat die Unterscheidung von Hauptprogramm und Nische längst ausgespielt. Wenn jedes Sendeformat überall und sofort zu empfangen ist, gibt es keine Primetime und kein Nachtprogramm mehr. Böhmermann droht dann überall.