Neo Rauch:„ Handlauf“, 2020, Öl auf Leinwand.
Foto:  Galerie EIGEN + ART Leipzig/VG Bildkunst Bonn 2020/Uwe Walther

LeipzigNieselregen überm Gelände der einstigen Baumwollspinnerei Plagwitz, dem wichtigsten Kunst-Viertel Sachsens. Hier haben viele Künstler ihre Ateliers, später siedelten sich auch Galerien, Klubs und Gastronomie an. Vor Halle fünf herrscht am Sonnabend disziplinierter Andrang unter Regenschirmen: Geduldig warten Bilderhungrige, eingelassen zu werden zu Neo Rauchs merkwürdigen Figuren, diesen Zeitreisenden auf Leinwänden. Der Sechzigjährige ist Ostdeutschlands erfolgreichster, weltweit höchstgehandelter Maler, einst herausragender Protagonist der „Neuen Leipziger Schule“. Seine Menschenbilder standen damals, um 2000, völlig außerhalb des Kanons der zeitgenössischen Kunst. Und seinen Kritikern gilt das bis heute als konservativ, gar reaktionär. Tatsächlich brachte Neo Rauch das Figurative aus der Leipziger Tradition heraus zurück in die Gegenwart.

Auch Neo Rauch hat in der Spinnerei Plagwitz sein Atelier, ausgestellt werden die neuen Bilder von der Galerie Eigen+ Art, Leipzig. 16 Tafeln, entstanden in der Zeit der Corona-Pandemie. Eigentlich sollte Rauch im Museum der Bildenden Künste seiner Heimatstadt eine Retrospektive bestücken. Die jedoch hat er abgelehnt. Er fühle sich mit 60 noch nicht alt genug für die Musealisierung. Lieber gibt er vor Ort preis, was die Isolation durch die Pandemie seit Anfang des Jahres bis jetzt aus ihm heraustrieb. So auch diese Szene: Ein Kentaur ist der griechischen Mythologie entstiegen und bittet in seinem orangeroten Wams die siamesische Zwillingsfrau im orangeroten Kleid zum Tanz. Oder lässt er sich von ihr (ver-)führen? Dies auf einer hölzernen Rampe. Das doppelte Lottchen lässt sich auffordern von dem Zigarette rauchenden Mischwesen, hält sich aber vorsichtshalber an einem Handlauf fest. Auch der ist orangerot. Fast tritt die machohafte Chimäre, halb gestiefelter Mann, halb Pferd, auf einen auf der Rampe liegenden Kreisel.  Musik kommt von weiter hinten, da sitzt ein Gitarrist und eine Frau – auch sie in Orangerot – tanzt allein. Eine somnambule Szene in einem ebenso seltsamen Ambiente von maroden Kellergemäuern und Landschaft mit Mondschein.

„Die Wurzel,“ 2020, Öl auf Leinwand.
Foto: Galerie EIGEN + ART Leipzig/VG Bildkunst Bonn 2020/Uwe Walther

Da sind sie wieder: die Rätsel in Neo Rauchs beklemmend romantischen, irritierenden, melancholischen Bildwelten. Gestalten, die aus einer anderen Welt zu kommen scheinen, Wiedergänger aus dem vergangenen Jahrhundert oder dem davor. Es sind zeitlose Gleichnisse: mystisch, historisch, brutal. Wer nun vom Maler Auskünfte zur Bedeutung erwartet, muss sich zufriedengeben mit Antworten wie diesen: „Das ist direkt an der Grenze dessen angelangt, was es leisten könnte“, sagt Rauch. „Was hat das nun darüber hinaus zu sagen? Soweit will ich mich dann doch nicht öffnen." Auf jeden Fall lauere da eine Gefahr, die man bändigen müsse.

Der Handlauf, dessen sich die gedoppelte Frauengestalt auf dem Bild bei ihrem Tanz makaber als Halt versichert, ist Titel der Ausstellung. Eine Metapher. Der Maler bestätigt, was dahinter steckt. Um das Thema des Ausbalancierens gehe es generell. Heißt das, in Rauchs unerklärlichem Welttheater schimmert Hoffnung auf? Ein Handlauf, an dem wir uns auf der Reise in die Zukunft festzuhalten vermögen? Auch die fünfzehn weiteren Gemälde  deuten so etwas an. All die surrealen und altmodischen Gestalten paradieren wie in einer Zeitkapsel – aus der Zeit der Romantik, der Aufklärung. Figuren, die sich wie in Trance auf den Weg machen in eine Welt, in der es keine Gewissheiten mehr gibt.

Rauch versucht, die Unwucht auszugleichen. Aber das Figuren-Ergebnis seiner neuen Bilder ist noch enigmatischer, bis zur Beklemmung, wie von einer unausgesprochenen Katastrophe überschattet. Der Maler spürt Mysterien nach, ohne sie zu zerstören. Wir lernen sehen. Und die Figuren scheinen hören zu können. Es ist, als würden sie vor sich hinmurmeln, wir sollten begreifen, dass Kunst ein Wagnis ist, die Offenbarung innerster Ängste. Die Konfrontation eines grübelnden, zweifelnden Malers mit sich selbst.

„Die Loge“, 2020, Öl auf Leinwand.
Foto: Galerie EIGEN + ART Leipzig/VG Bildkunst Bonn 2020/Uwe Walther

Figürliche Malerei eignet sich schon immer gut für eine gesellschaftlich orientierte Interpretation. Doch Rauch widerspricht dem „Hineinlesen“. Mögen seine Motive auch wie Kommentierungen derzeitiger Verhältnisse wirken, etwa wenn im Bild „Die Wurzel“ ein Mann, von einem schlangenartigen Seil gebunden, einen anderen Typ im Kapuzenpulli und mit Megafon vor einer Trophäe derb den Schuh auf den Leib setzt und ihn auf den Boden zwingt. Eine Szene, in der ein Demonstrant brutal überwältigt wird? Rauch deutet an, dass sich solche Assoziationen nur im Kopf des Betrachters abspielen. „Meine Malerei ist nicht politisch.“ Natürlich reflektiere er seine Zeit, das, was geschieht.  „Was ich aber male, sind Spiegelbilder meiner inneren Zustände. Und was sich da hineinmischt, hineinmengt, das kann ich nur bedingt kontrollieren.“

Das Publikum vor Rauchs Bildern ist auffallend still, etwas Seltenes im redseligen Sachsen. Ich beobachte, dass vor allem Frauen immer wieder an eines der Gemälde herantreten, als ziehe es sie magisch an, diese gedoppelte Frauenfigur, die sich beim Tanzen auch mit ihrem eigenen Schatten festhält – am Handlauf.

Leipzig, Spinnerei, Spinnereistraße 7, Halle 5, Galerie Eigen+Art, bis 28. November, Di-Sa 11-18 Uhr.