Mal zweifelte der eine, mal der andere. Zwar tobt unter den ergrauten Haarschöpfen noch immer die Bildwut à la Neon Real, die unübersehbare Neigung also zum Grellen, Überscharfen, Nächtlich-Obsessiv-Großstädtischen.

Aber sollte man, 25 Jahre nach dem Fall der Mauer und dem Ende der DDR, wirklich wieder zusammen ausstellen? Ist nicht die Zeit drübergegangen? Schließlich ist der Kunstbetrieb längst ein völlig anderer: global, unstet, gierig nach Jungem, unberechenbar – dabei doch sehr spezifisch, was den Markt und Sammlerneigungen anbelangt. Deshalb arbeitete nach 1990 jeder aus der Gruppe Neon Real mehr für sich: Clemens Gröszer in seinem Köpenicker, Rolf Biebl in seinem Weißenseer, Harald K. Schulze in seinem Oderbruch-Atelier.

Die Zeit ist nicht drübergegangen. Was in der Gesellschaft Druck erzeugt, rumort heftig auch in den neueren Werken. Das besagt die bevorstehende Ausstellung der drei in der Galerie Ei in Prenzlauer Berg. Einige der Bilder haben sie noch zusammen gemalt, egal, welches Detail von wem stammt. Biebls Skulpturen stehen auf Sockeln. Der schwarz-weiße Film, den sie 1981 als Gründungs-Statement von Neon Real gedreht hatten, läuft Probe.

Die Eröffnung Freitagabend aber erleben nur zwei aus dem Dreierbund. Clemens Gröszer ist vor wenigen Wochen verstorben, so unerwartet, dass die erste Reaktion fast Schockstarre war. Schulze und Biebl haben, so wie er es skizziert hatte, seine Bilder platziert, so dass lebhafte Zwiesprache entsteht, der aufmüpfige Geist von Neon Real anno 1981 den Galerieraum füllt, als wäre er da und zitierte mit den Freunden das Manifest, jene frechen Sätze gegen die „bebilderten Einbahnstraßen“ und die „bleichen Verwalter in der Mummenschanze“. Dada-poetisch verpackte Spitzen gegen die Enge und das Kunstfunktionärswesen im realen Sozialismus: „Im Klickern des Neon verglühende Fassaden. Kunstdünger fressen wir nicht!“, heißt es da. Und: „Die Tapeten sind abgewetzt – die Draperie ist längst verschossen. Sprachlosigkeit. Wohnhaft. Freienhufen. Montagabend Agitprop. Deutschland ein Minterwärchen. Neon Real, dein blasses Gesicht spuckt Krapp und Kadmium, verzerrt die Form, die Fleischheit unausweichlich...“

Die Drei suchten unterm Label „Neon Real“ nach einem Gegenbild dessen, was schlechthin als Kunst aus (Ost)Berlin galt. „Wir wollten mehr malen als arkadische Szenen, Zitronen und Kaffeekannen-Stillleben“, so Schulze. Und Biebl ergänzt: „Wir wollten Aufmerksamkeit! Grelle Bildschärfe gegen die ganze Langeweile. Attacke, Überschärfe, Großstadtgefühl.“ Und Schulze setzt hinzu: „Wir hatten keine Theorien, aber das Gefühl, gemeinsam stark zu sein. Wir waren so unbekümmert und es gab immer ältere, erfahrene Künstler, Lehrer, die uns schützten. Wir konnten auf den Putz hauen, ohne dass wir gleich in den Keller mussten.“ Bei ihm hieß der Schützende Walter Womacka. Für Gröszer und Biebl waren es die Akademiemeister Wieland Förster, Werner Stötzer, Ludwig Engelhardt. Keinem von Neon Real wäre es eingefallen, in den Westen zu gehen.

Noch etwas Wesentliches einte die Drei, außer dieser kreativen Wut im Bauch unter der Käseglocke des vormundschaftlichen Funktionärswesens. Sie orientierten – und rieben sich ästhetisch – an den Bildwelten von Otto Dix und Christian Schad, an der der Wiener Maler Egon Schiele und des Surrealisten Rudolf Hausner, an den Existenzzeichen von Giacometti und Lehmbruck. Und sie sahen sich außerstande, vom Menschenbild abzusehen. Aber anders, als die ideologische Vorgabe, eher als lustvolle, virtuose Verstörung dessen, was gemeinhin der „gute Geschmack“ war.

Gröszers Figuren scheinen der Renaissance wie den „Goldenen Zwanzigern“ entstiegen: Protagonisten einer wie in Trance erstarrten Gesellschaft. Illusionsräume, das indifferente Nacht-Licht der mit Noblesse gemalten Frauen lenken den Blick auf den Vordergrund. Als sei nur Oberfläche zu haben: Heute genießen, morgen vergessen. Melancholie paart sich mit Ironie. Zwölf Mal malte Gröszer nach Dürer „Marin à cholie“, als Metamorphose von Göttin und Hure.

Schulze erreicht in seiner trockeneren Acryl-Farbentechnik mehrschichtige Bildschärfe. Die Gestalten scheinen auf einen zuzukommen, magisch, zugleich auch distanziert-ironisch, gar lustvoll sarkastisch. Er rückt uns den vom Zeitgeist ge- und verformten, den lebensgierigen, doch vergebens nach Ewigkeit strebenden, sich hinter Masken versteckenden Zeitgenossen vor Augen. Ästhetischer Beobachter des trivialen Welttheaters.