Detlev Rohwedder (1973).
Foto: Imago Images/Sven Simon

Schon im Vorspann O-Töne von Hitler und von Walter Ulbricht. Wenn Netflix sich an eine Doku über die Ermordung des Treuhand- Chefs Detlev Rohwedder macht, muss ein größerer historischer Kontext geliefert werden – es sollen mit der ersten deutschen Netflix-Dokuserie „Rohwedder“ auch Zuschauer in Frankreich oder den USA angesprochen werden (Internationaler Titel: „A perfect crime“). Doch im weiteren Verlauf gleicht der Vierteiler frappant einer klassischen ARD/ZDF-Produktion, in der Zeitzeugen jedweder Couleur zu Worte kommen, gegengeschnitten mit Bildern, Tönen und Fernsehberichten von damals.

In der ersten Folge „Märtyrer“ wird der Horizont weit aufgemacht und auf die Zeit der Wende geblickt. Die DDR-Wirtschaft befand sich zur Maueröffnung in freiem Fall, die Unzufriedenheit wuchs. „Wir suchten nach einem ganz besonderen Menschen für die Treuhand“, sagt in der Doku der damalige Finanzminister Theo Waigel. Detlev Rohwedder war dieser Mann. Er sah sich bereits nach kurzer Zeit heftiger Kritik ausgesetzt, die Gefährdungslage stieg. Obwohl Rohwedders Frau mehrfach um besseren Personenschutz bat, wurde dieser verwehrt. Im ersten Stock seines Hauses in Düsseldorf gab es kein Sicherheitsglas. Am 1. April 1991 wurde Rohwedder dort durch mehrere Schüsse getötet, seine Frau schwer verletzt.

„Rohwedder“ geht in die Zeit weit vor dem Rohwedder-Mord zurück. Es wird in Teilen auch die Geschichte der RAF erzählt, deren dritte Generation in der DDR abtauchte. Ex-Terroristin Silke Maier-Witt erinnert sich, wie sie sich im Exil zwar überwacht, aber in den Wendejahren davon abgestoßen fühlte, dass in der DDR alles aus dem Westen als gut empfunden wurde.

Zeitgleich zum Mord an Rohwedder veröffentlichten die RAF- Terroristen eine Art Positionspapier, eine „umfassende Analyse“ des Kapitalismus, wie Silke Maier-Witt es ausdrückt, an der sie aber nicht beteiligt war. Ob, und wenn ja warum ausgerechnet Rohwedder als Opfer ausgesucht wurde, darauf weiß sie keine Antwort.

Die Doku thematisiert die Spannungen, die sich aus der forcierten Privatisierung der DDR-Wirtschaft ergaben. Die RAF ließ in ihren Bekennerschreiben keinen Zweifel daran, wie sehr sie den Kapitalismus verachtete. Doch war es die RAF, die Rohwedder erschoss? Der damalige BND-Kriminaloberrat Klaus-Dieter Matschke äußert Zweifel: „Es war ein Racheakt“.

Doch von wem? Wem nützte der Mord an Rohwedder? „Rohwedder war überall verhasst“, stellt ein ehemaliger Assistent des Treuhand-Chefs fest. Selbst die mittlerweile verstorbene Witwe Rohwedders brachte offen den Verdacht vor, dass die Stasi hinter dem Mord an ihrem Mann stecken könnte. Denn ihr Mann war auch auf der Spur der verschwundenen Stasi-Millionen. Kriminalbeamter Matschke erzählt, dass Stasi-Offiziere, befragt nach dem Rohwedder-Mord, geantwortet hätten: „Das sieht ganz danach aus, als wären es unsere Leute gewesen.“

Spekulationen gibt es noch immer, bewiesen ist nichts. Belege, Gegenstände und Akten verschwanden. Wer erschoss Detlev Rohwedder? Diese Frage kann auch die Doku nicht beantworten, dennoch ist sie überaus sehenswert.

Rohwedder – Einigkeit und Mord und Freiheit Vier Teile, Netflix