Eine Szene aus der Netflix-Serie „Dark“.
Foto: Netflix

BerlinAm Samstag findet endlich die Apokalypse statt. Wer die Netflix-Serie „Dark“ kennt, der weiß, dass am 27. Juni 2020 das Atomkraftwerk in Winden unter einem schwarzen Schirm verschwindet und explodiert. Und so wie in den ersten beiden Staffeln immer wieder der Countdown bis zum großen Knall erzählt wurde, haben die Fans die Tage bis zum Start der dritten und finalen Staffel gezählt.

„Dark“, erfunden und in Szene gesetzt von Autorin Jantje Friese und Regisseur Baran bo Odar, war 2017 als erste deutsche Serie auf Netflix gestartet und weltweit bei Publikum wie Kritik überraschend erfolgreich. Der philosophisch angehauchte Mystery-Schocker setzte Maßstäbe wie zuletzt nur „Berlin Babylon“ auf Sky und in der ARD, war mit seinen gewundenen Erzählstrukturen und farbentsättigten Bildern jedoch weiter vom deutschen Fernsehen entfernt als alles bisher Gesehene. Schon der bizarre kaleidoskopische Vorspann und der düster hallende Sound entwickeln einen eigenen Sog.

Offizieller Trailer von „Dark“: Staffel 3.

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Nur mal reinschauen oder nebenbei gucken ist hier ausgeschlossen. Die vertrackte Handlung erfordert vielmehr eine gewisse Vorbereitung. Foren im Netz bieten Stammbäume der wichtigsten sechs Windener Familien an, in denen aber nicht einfach vier Dutzend Figuren in drei Generationen hintereinander mit ihren Verzweigungen erscheinen. Denn da hier Menschen durch eine Höhle unweit des Atomkraftwerks und mittels Zeitmaschinen in frühere Jahre „reisen“, manche aber nicht zurückkamen, ergaben sich seltsame Querverbindungen: Jonas, Zentrum der Serie (Louis Hofmann), ist mit der gleichaltrigen Martha (Lisa Vicari) befreundet – die zugleich seine Tante ist. Sein Vater war der jüngere Bruder Marthas. Er war von 2019 nach 1986 gebeamt worden, an seiner paradoxen Existenz verzweifelt und brachte sich zu Beginn der Serie um.

Die dritte Staffel nun präsentiert dem Zuschauer eigene Stammbäume: Auf dem Boden der düsteren Kirche, in der Jonas und sein älteres Ich, der grausam verstrahlte und entstellte Adam (Dietrich Hollinderbäumer), immer wieder aufschlagen, und im Bunker der Windener Höhle, in dem sich Zeitreisende wie Unwissende immer wieder treffen, werden die familiären Verflechtungen aufgezeichnet.

3. Staffel „Dark“: Ein Puzzlespiel, das höchste Konzentration erfordert

Doch einfacher oder verständlicher ist die dritte Staffel deshalb nicht, im Gegenteil. Spielte die erste Staffel noch in drei Zeitebenen, alle 33 Jahre voneinander entfernt, so weitete die zweite Staffel dieses Spiel auf die Jahre 1920-1953-1986-2019-2052 aus. Die dritte Staffel nun reist noch weiter zurück, bis ins Jahr 1888, und fliegt nicht mehr nur durch die Zeit, sondern durch den Raum. Parallel zur Welt, die bisher aus der Perspektive von Jonas erzählt wurde, existiert eine Parallelwelt, erschaffen von seiner Freundin Martha.

Jantje Friese und Baran bo Odar erlauben sich das Spiel, Episoden aus früheren Staffeln mit demselben Personal leicht verschoben zu erzählen: So kehrt Jonas bei seinem ersten Schulbesuch im Herbst 2019 nicht, wie in der ersten Folge, aus der Psychiatrie in die Schule zurück – er ist plötzlich ein Fremder und wird nicht einmal mehr von seiner Mutter erkannt. Andere Figuren haben andere Frisuren und Haarfarben. Polizist Ulrich (Oliver Masucci) betrügt seine Frau nicht nur mit Jonas Mutter Hannah (Maja Schöne), sondern betrügt Hannah schon wieder mit Kollegin Charlotte (Karoline Eichhorn).

So entsteht ein Puzzlespiel, das höchste Konzentration erfordert: In welchem Jahr und in wessen Zeit befinden wir uns eigentlich gerade? Wer trifft da auf sein eigenes Ich? Das mag man herausfordernd finden oder anstrengend, hochkomplex oder viel zu kompliziert. Durch die immer häufigeren und kürzeren Sprünge in immer mehr Welten entwickelt sich kein echter Handlungsfluss mehr – die Serie scheint sich im Kreis zu drehen. Dabei wiederholen sich die Dialog-Muster. Sagen die Uneingeweihten immer wieder „Ich verstehe das alles nicht! Was für ein kranker Quatsch!“, so betonen die schuldig Gewordenen häufig: „Ich wollte das alles nicht! Es tut mir so leid!“

Treffen Zeitreisende in neuen Ebenen aufeinander, so fragen sie zuerst „Wie hast du mich gefunden?“, um schließlich zu existenziellen Frage zu kommen: „Wie können wir den Kreis durchbrechen. Können wir den Knoten entwirren oder müssen wir ihn durchschlagen?“ Die ohnehin düstere Serie wird immer apokalyptischer, sowohl in den Handlungen nach dem großen Knall 2020, als auch beim Sprung ins Jahr 2052, in der der dunkle Windener Wald einer Wüste gewichen ist.

Es mutet recht bildungsbeflissen an, wie Jantje Friese und Baran bo Odar hier die verschiedensten Theorien aus Theologie, Philosophie, Quantenphysik und Kino miteinander verstricken. Ob der antike Ariadne-Faden, der den Ausweg aus der Höhle zeigen soll, ob der Dualismus von Adam und Eva und Sentenzen von Artur Schopenhauer, ob Schrödingers paradoxe Katze, die Entdeckung der „Gottesteilchen“ oder die Frage nach dem Fehler in der Matrix – sie alle werden herbeizitiert. Damit versteckt sich „Dark“ zwar hinter Vorbildern, regt aber selbst immer wieder dazu an, über den Fortschritt, den Eingriff in Lauf der Natur und die Wiederkehr des Ewiggleichen nachzudenken.

Die durchweg hochkarätigen Schauspieler müssen in ihren oft nur Sekunden langen Auftritten Präsenz beweisen. Lisa Vicari und Louis Hofmann bekommen die meiste Zeit, um ihre Anziehungen und Abstoßungen, ihre Liebe und ihren Kampf auszuspielen. Das Finale malen Jantje Friese und Baran bo Odar wie ein Märchen aus, erlauben sich Kitsch und sogar Humor. Selbst Nenas Song vom Serienstart kehrt zurück: „Wir fahr’n auf Feuerrädern Richtung Zukunft durch die Nacht!“ Man sinkt erschöpft zusammen – und wird das alles noch mal komplett von vorn angucken – irgendwie, irgendwo, irgendwann.

Die dritte Staffel beginnt ab 27. Juni auf Netflix.