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Eigenbrötlerisch, eher schlecht gelaunt, zu viel trinkend – so kennt die Welt Kurt Wallander, seines Zeichens Kriminalkommissar mit ausgeprägtem sozialem Gewissen in der schwedischen Provinz. So begegnete man ihm in den Romanen von Henning Mankell, die in den Neunzigerjahren zum Boom skandinavischer Krimis und Thriller beitrugen. Und so erlebte man ihn auch in gleich zwei schwedischen Fernsehreihen sowie einer BBC-Produktion mit Kenneth Branagh in der Hauptrolle. Doch auch dieser alte Haudegen war mal jung, wie nun die neue Serie „Der junge Wallander“  beweist.

Der Name ist dabei Programm: hier wird – ähnlich wie gerade auch in der Neuauflage von „Perry Mason“ – die Vorgeschichte der berühmten Ermittlerfigur erzählt, quasi das Prequel zu Mankells Geschichten. Statt einigermaßen desillusioniert und nicht mehr ganz taufrisch hat Kurt Wallander (Adam Pålsson) hier die Polizeiakademie noch nicht lange hinter sich und steckt voller Ehrgeiz. Doch als praktisch direkt vor seiner Haustür in Malmö, in einem größtenteils von Menschen mit sogenannten Migrationshintergrund bewohnten Viertel, ein Teenager auf ausgesprochen brutale Weise ermordet wird, steckt der unerfahrene Polizist mittendrin in einem weite Kreise ziehenden Fall, der seine Karriere, aber auch ihn als Person für immer verändern wird.

Während der Wallander in Mankells Büchern Anfang der Siebzigerjahre Mitte 20 gewesen sein dürfte, spielt „Der junge Wallander“ nun im Hier und Jetzt. Davon abgesehen orientiert sich die von Drehbuchautor Ben Harris („Devils“) verantwortete Serie durchaus an der Vorlage: der Beginn der Polizeikarriere in Malmö ist schon in den Romanen erwähnt, außerdem werden wir Zeuge, wie Wallander seine spätere Ehefrau Mona (Ellise Chappell) kennenlernt. Auch die gesellschaftspolitische Dringlichkeit seines ersten  Falles hätte dem sozialdemokratischen Schriftsteller sicherlich gefallen, der – wie die in London angesiedelte Produzentin Berna Levin kürzlich dem Guardian verriet – der Idee für die Serie noch vor seinem Tod seinen Segen gegeben hat.

Doch trotz vieler Bemühungen an Mankells Werk anzuknüpfen: Ausgerechnet der im Fokus stehende Protagonist ist letztlich die Schwachstelle der Serie. Hauptdarsteller Pålsson, einziger Schwede in einem sonst aus Briten bestehenden Ensemble und dem deutschen Publikum vor allem aus „Die Brücke – Transit in den Tod“ bekannt, müht sich redlich. Doch er kann nicht darüber hinwegtäuschen, dass seinem naiv-idealistischen Wallander noch all die Ecken und Kanten abgehen, die den rauen Charme seines späteren Selbst ausmachen. So ist er trotz des großen Namens bloß ein wackerer Schönling, wie er auch in vergleichbaren Thrillerserien – cool bebildert, angemessen düster und durchaus spannend erzählt – ermitteln könnte. Um mehr zu sein muss „Der junge Wallander“ vielleicht doch noch etwas älter werden.

Der junge Wallander. Seit 3. September auf Netflix, sechs Folgen