Wer wissen will, warum Netflix in so vielen Punkten moderner, frischer und zeitgenössischer abschneidet als viele Produktionen der öffentlich-rechtlichen Fernsehsender in Deutschland, der bekommt mit der schwedischen Serie „Liebe und Anarchie“ erneut einen Beweis geliefert. Um es ganz klar zu sagen: Die Serie ist kein Geniestreich, eher eine niedrigschwellige Liebeskomödie, die aber derart charmant und emanzipiert daherkommt, dass man einfach nicht wegschalten kann. Auf Neudeutsch gesagt: „Liebe und Anarchie“ ist Binge-watching-Material für die grauen Novembertage.

Worum geht es? Die achtteilige Serie dreht sich um Sofie (gespielt von Ida Engvoll, 1985 geboren), eine karrierebewusste Beraterin und Mutter zweier Kinder, die angestellt wird, um einen altehrwürdigen Stockholmer Literaturverlag in die digitale Zukunft zu führen. Sofie ist – was Habitus und Modestil betrifft – die Personifizierung aktueller Instagram-Ästhetik. Ihre Lippen: knallrot. Ihre Schuhe: quietschgelb. Die Seidenbluse: cremeweiß. Die blonden Haare: perfekt gestylt. Schnell kommt es zum Kultur-Clash. Schon allein die Konfrontation zwischen der hippen Beraterin und dem Personal der analogen Verlagswelt lässt schmunzeln, etwa wenn Sofie auf Cheflektor Friedrich Jägerstedt (Reine Brynolfsson) trifft, der Sofies Digitalexperimente für einen unverzeihlichen Kulturbruch hält.

Die Macht der starken Frauen

Noch viel wichtiger ist aber Sofies Begegnung mit dem jungen IT-Techniker Max (Björn Mosten, 1997 geboren). Der Kollege erwischt Sofie dabei, wie sie im Büro zu einem Internet-Porno masturbiert. Max macht heimlich ein Foto und beginnt, sie zu erpressen. Man kann es sich leicht denken: Die anfangs holprige Beziehung kippt schnell ins Erotische. Max und Sofie kommen sich näher, begreifen sich als ungleiche Spielpartner und flüstern sich kleine provokative Aufgaben zu, um ihrem schnöden Arbeitsleben einen Nervenkitzel zu verleihen.

Der Plot dieser Serie ist nicht besonders pfiffig. Aber der Umgang mit Geschlechterrollen ist es allemal. Denn die Frauen und Männer werden so emanzipiert und unkonventionell in Szene gesetzt, dass man sich geradezu wundert, warum so eine Dramaturgie überhaupt überrascht (vielleicht, weil man emanzipierte Milieus im Fernsehen nicht so oft sieht?). Oder anders gefragt: Warum schreckt man auf, wenn eine Frau einen Porno schaut? Warum wirkt es ungewöhnlich, wenn eine Beraterin einen jüngeren Mitarbeiter verführt, ohne dass es gleich pathologisch wirkt – wie etwa in vielen deutschen Produktionen oder Seifenopern wie „Reich und Schön“?

Keine Kunst ohne moralische Grenzverletzung

Die Serie „Liebe und Anarchie“ bietet nicht nur eine frische Erzählweise, sondern auch emanzipierte Erotik und einen soliden Humor. Dabei muss gesagt sein, dass keiner der Protagonisten lächerlich gemacht wird. Frauen und Männer werden nicht gegeneinander ausgespielt, sondern finden in ihren Eigenheiten zusammen. Selbst der konservative Cheflektor Friedrich Jägerstedt wird in seiner Haltung ernst genommen, wenn er behauptet, dass es akzeptabel sei, wenn einer seiner über 80-jährigen Schriftsteller an eine Kollegin ungefragt Penis-Bildchen verschickt.

Foto: Netflix/Ulrika Malm
Ida Engvoll spielt die Beraterin Sofie in der schwedischen Netflix-Serie „Liebe und Anarchie“.

Für den Literaturenthusiasten sind MeToo und Gendergerechigkeit reine Modeerscheinungen, die dem Genie und Weltgeist (der Altherrenwelt) auf lange Sicht nichts anhaben können. Der Reiz dieser Serie liegt darin, dass die Parteien, ob jung oder alt, weiblich oder männlich, ihr Rederecht nicht abgesprochen bekommen. Erst in der Zusammenführung aus Instagram-Feminismus und chauvinistischer Kunsthuldigung entwickelt sich eine Art Teamgeist, der Idiosynkrasien überwindet. Es sollte nicht überraschen, dass das Serienskript eine Frau, Lisa Langseth, geschrieben hat (sie hat auch Regie geführt). Derart selbstbewusste Erzählweisen wären auch im deutschen Fernsehen wünschenswert. Netflix bräuchte man dazu nicht.

Die erste Staffel von „Liebe und Anarchie“ hat acht Folgen und ist auf dem Streamingdienst Netflix zu sehen.