Cate Blanchett: „Jedem Menschen in Not sollte auch Asyl gewährt werden.“
Foto: AFP/ Filippo Monteforte

BerlinDie Lebenswege von vier Fremden kreuzen sich in einem Einwanderungs-Gefangenenlager irgendwo im australischen Outback – so lässt sich das Szenario der neuen Netflix-Serie „Stateless“ (ab 8. Juli) resümieren. Für Cate Blanchett ist dieser Sechsteiler eine Herzensangelegenheit. Die australische Oscarpreisträgerin fungierte hier als Produzentin, schrieb am Drehbuch mit und ist außerdem in einer Nebenrolle zu sehen. Wir sprachen mit Cate Blanchett über Migration, Multikulturalität und Menschenwürde.

Ms. Blanchett, was war für Sie persönlich das Motiv, um sich mit der australischen Flüchtlingspolitik in einem ambitionierten Filmprojekt auseinanderzusetzen?

Ich habe immer häufiger gespürt, dass mir das Thema Migration sehr nahe geht. Ich hatte schon ein paar Mal mit dem Flüchtlingswerk der Vereinten Nationen zusammengearbeitet und wusste, wie viele Migranten erst mal verhaftet werden und wie oft sie unvorstellbares Leid erlebt haben. Also haben wir angefangen, mit diversen Flüchtlingshilfswerken zusammenzuarbeiten, um exemplarische Geschichten zu finden, die Menschen nicht nur berühren würden, sondern auch zum Nachdenken anregen.

Was haben Sie sich von der Kooperation mit dem Flüchtlingswerk erhofft?

Ich wollte ganz nah an der Realität bleiben. Das Thema ist einfach zu wichtig, um es zu verfälschen. Ich wollte nichts übertreiben oder dramatisieren – doch die Erfahrungen, die ich über die UNHCR machte, waren deutlich schlimmer als alles, was ein Autor sich einfallen lassen könnte. Diese Flüchtlingscamps, die ich besuchte, waren unfassbar schrecklich. Gerade Kinder haben besonders darunter zu leiden. Als Mutter zerreißt es mir das Herz, wenn ich daran denke.

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Zur Person

Catherine „Cate“ Élise Blanchett wurde 1969 in Melbourne geboren. Zunächst studierte sie Wirtschaftswissenschaften und Kunst. Während eines Urlaubsaufenthaltes in Ägypten wurde sie für eine kleine Rolle als Tänzerin in einer lokalen Filmproduktion angeworben. Davon begeistert kehrte sie in ihre Heimat zurück und brach ihr Studium an der Universität ab, um eine Ausbildung zur Schauspielerin zu beginnen.

Seit Beginn der 1990er Jahre war sie in über 40 Film- und Fernsehproduktionen zu sehen. Nach ihrer preisgekrönten Titelrolle in dem Historienfilm „Elizabeth“ (1998) stieg sie zu den führenden Charakterdarstellerinnen Hollywoods auf. Sie wurde mit über 70 internationalen Film- und Festivalpreisen geehrt.

Für ihre Darstellung der Katharine Hepburn in Martin Scorseses Filmbiografie „Aviator“ (2004) erhielt sie den Oscar als beste Nebendarstellerin und für ihre Rolle in dem Woody-Allen-Film „Blue Jasmine“ (2013) den Oscar als beste Hauptdarstellerin. Blanchett ist verheiratet und hat vier Kinder.

„Stateless“ ist ein moralisches und politisches Statement?

Wir wollten zeigen, was Menschen durchmachen müssen, wenn sie ein neues Zuhause suchen. Wir wollten uns nicht auf das Schicksal der Flüchtlinge beschränken, die im Schlauchboot übers Meer fahren. Uns hat auch die Perspektive der Bürokraten und Beamten interessiert. Es sind ja ebenso Menschen, die in diesen Positionen sitzen und Entscheidungen fällen müssen. Außerdem kann jeder von uns unverschuldet in eine Situation kommen, in der man plötzlich diesem System ausgeliefert ist. Wir erzählen beispielsweise auch die unglaubliche Geschichte einer deutsch-australischen Staatsbürgerin, die stellvertretend für uns die Erfahrung macht, wie man behandelt wird, wenn man heimat- und schutzlos ist.

Was sagt die Serie über die Gesellschaft aus, in der wir leben? Wo setzt Ihre Kritik an?

Das Recht auf Asyl ist ein Menschenrecht. Jedem Menschen in Not sollte auch Asyl gewährt werden. Aber die Frage ist, wie wir dieses Recht in der Praxis umsetzen. Ich bin auf so vieles stolz, was Australien bisher geleistet hat. Aber gerade was unsere Flüchtlingspolitik betrifft, könnte ich mich in Grund und Boden schämen. Früher gehörte es noch zu unserer Identität, andere Kulturen und Migranten willkommen zu heißen. Wir standen für Pluralismus und Multikulturalität. Und heute? Schotten wir uns ab. Das kann nicht richtig sein.

Was liegt Ihrer Meinung nach der Ursprung dieses Problems?

Angst. Ganz einfach. Die Menschen haben Angst, und diese Angst wird von einigen Regierungen auch noch geschürt. Vor ein paar Tagen habe ich mit einem Kollegen darüber gesprochen. Er sagte, dass es in der Armee die Überzeugung gibt, dass Soldaten im Grunde unzufrieden sein müssen, denn zufriedene Menschen lassen sich nicht so gut steuern. Das Gleiche gilt für unsere Gesellschaft: Je ängstlicher die Leute sind, desto leichter lassen sie sich manipulieren.

„Stateless“ schildert Geschehnisse in einem Camp, wo Staatenlose zu Hoffnungslosen werden. Befürchten Sie, dass die Angst vor Krankheiten womöglich auch mal zu Internierungen führen könnte, zu Corona-Camps?

Dazu möchte ich nur kurz eine Sache loswerden: Wenn Menschen in Machtpositionen die Bevölkerung so verunsichern, dass sie aufgrund von Vorurteilen nicht mehr zum chinesischen Restaurant um die Ecke gehen, dann zeigt das doch, welche Macht Angst haben kann. Hier wird ein Virus mit Rassismus vermischt – und das ist gefährlich!

Sie hatten bei diesem Projekt zwei Hüte auf, als Darstellerin und Produzentin. Haben Sie mitgespielt, um der Serie mehr „bankability“ zu geben, mehr wirtschaftliche Wucht?

Nicht nur. Ich wollte unbedingt mit meinem Kollegen Dominic West spielen. Und einen Jogginganzug aus mint-lavendelfarbener Ballonseide tragen. Dummerweise durfte ich den nicht mit nach Hause nehmen. Ich muss da wohl nochmal ein Wörtchen mit der Produzentin reden. (lacht)

„Stateless“ konnten Sie an Netflix verkaufen. Ist der Global Player für das Thema probat?

Ja, einen so großen Partner für diese Serie zu gewinnen, war fantastisch. Außerdem ist das Thema, das wir erörtern, kein spezifisch australisches Problem, sondern eine globale Geschichte. Es ist wichtig, dass Menschen auf der ganzen Welt sich damit auseinandersetzen können. Netflix gibt uns diese Chance.

Offizieller Trailer der Netflix-Serie „Stateless“.

Video:YouTube

Gewährleistet eine Serie für ein komplexes Thema wie dieses mehr Raum und Zeit, um in die Problematik einzutauchen?

Tatsächlich haben wir erst überlegt, ob wir wirklich eine Serie daraus machen sollten oder nicht doch lieber einen klassischen Film. Aber nach unseren Recherchen, nach all den tragischen Schicksalen, von denen wir gehört hatten, wurde uns schnell klar, dass wir die einzelnen Storys nicht auf ein paar banale Szenen herunterbrechen wollten. Aus Respekt vor diesen Geschichten haben wir zunächst eine vierteilige Serie vorbereitet, die sich dann sogar auf sechs Episoden ausgedehnt hat. Jetzt haben wir das Gefühl, diesen Geschichten besser gerecht geworden zu sein.

„Stateless“ heißt staatenlos, aber auch heimatlos.

Wir wollen mit dieser Serie auf staatenlose Menschen aufmerksam und jedem Zuschauer nachvollziehbar machen, wie diese Menschen sich fühlen: unsichtbar, als würde es sie gar nicht geben. Sie werden ihrer Identität beraubt. Wir wollen ihnen ihre Menschenwürde und Identität zurückgeben, sie wieder sichtbar machen.

In Ihrem echten Leben haben Sie verschiedenste Rollen inne, sind mal Stil-Ikone auf dem Roten Teppich, mal Provokateurin auf der Leinwand.

Du hörst nie auf, die eine zu sein, um die andere zu werden. Diese Identitäten existieren nicht in Parallelwelten, sondern ergeben eine lebendige Mischung – ohne  dass ich dabei meine Kinder mit mir über den Roten Teppich schleife. Wenn du auf einem Festival von Hunderten Fotografen abgelichtet wirst, gibst du dich natürlich ein wenig anders, als wenn du deine Kinder zur Schule bringst oder in einem Geschäftsmeeting sitzt. (lacht) Doch alles sind Aspekte deines Ichs. Was ich dabei trage, dient nur dazu, dass ich mich als mein bestes Ich fühle. Das ist mir wichtig. Ob das den Leuten gefällt oder nicht, spielt für mich dann keine Rolle.