Baz Luhrmann hat prächtige Kinofilme inszeniert wie „Romeo & Julia“, „Moulin Rouge“ oder „Der große Gatsby“. Nun hat sich der Regisseur erstmals an eine Serie gewagt. An der  Konzeption von „The Get Down“ hat der Australier gut zehn Jahre gearbeitet. Seit 12. August ist die Serie mit sechs Folgen bei Netflix zu sehen, sechs weitere werden kommen. Erzählt wird von Jugendlichen im New Yorker Stadtteil Bronx in den späten 1970er-Jahren, als die Disco-Ära zu Ende ging und der HipHop geboren wurde.

Mr. Luhrmann, wer Ihre Kinofilme kennt, weiß um Ihre Liebe zur Musik. Aber die Anfänge des HipHop in der Bronx der späten 1970er hätte man kaum  mit Ihnen assoziiert ...

Ich weiß, was Sie meinen: Warum erzählt ausgerechnet ein alter, weißer Typ aus Australien diese Geschichte! Aber Menschen, die dafür kämpfen, ihre Kreativität zum Ausdruck zu bringen,  haben mich schon immer interessiert. Abgesehen davon war New York die Stadt meiner Träume, als ich jung war. Geradezu das gelobte Land.

Sie sind Jahrgang 1962. Wussten Sie  als Jugendlicher von dieser Welt aus Beatboxing, Breakdance, Graffiti?

Nein, das kam  erst später. Die meisten Menschen wissen nicht viel über die Zeit, in „The Get Down“ angesiedelt ist. Für die ist HipHop ein Phänomen der 1980er. Doch das, was in den 1980ern populär wurde, war sozusagen der fertige Kuchen. Spannend ist das Rezept. Davon handelt die Serie: Wie konnte es in einer Stadt, die eigentlich am Ende war, und in der kaum jemand sonderliche Mittel  hatte, eine derartige kulturelle Explosion geben, deren Nachbeben bis heute spürbar sind?

Wann fingen Sie an, sich mit diesem Thema zu beschäftigen?

Vor gut zehn Jahren. Meine Arbeit mit Jay-Z bei „Der große Gatsby“ hat mein Interesse an HipHop gesteigert. Für „The Get Down“ waren die Inspirationen aber noch andere. Ich habe mich sehr mit der Arbeit des Fotografen Jamel Shabazz auseinandergesetzt. Und mit dem Dokumentarfilm „Style Wars“ von 1983. Darin fand ich eine Schlüsselszene für unsere Serie. Die Mutter eines  Sprayers wundert sich, warum ihr Sohn das tut,  wo seine Kunstwerke womöglich nach drei Tagen wieder abgewaschen sind. Doch er sagt, dass es ihm nicht darum geht, dass sein Name von anderen  auf irgendeinem U-Bahn-Wagen gesehen wird. Aber wenn er selbst ihn dort sieht,  fühlt er sich, als sei er kein Niemand mehr.

Bei der Besetzung haben Sie auf Stars verzichtet. Warum eigentlich?

Wahrhaftigkeit war mir wichtig. Ich wollte mit einem sehr jungen Ensemble drehen, denn diese Kids damals waren größtenteils Schüler. Grandmaster Flash war 1977 erst 17 Jahre alt. Deswegen war HipHop ja auch so lange eine in sich geschlossene Welt im Verborgenen.

Interview: Patrick Heidmann