Neveah (gespielt von Kylie Jefferson) kommt aus Compton, Kalifornien – der Heimatstadt von HipHop-Größen wie NWA. Und wie die berühmte Rapcrew hatte Neveah kein einfaches Leben: die Mutter im Knast, der Bruder im Rollstuhl, der Vater tot. Wäre da nicht das Tanzen, würde die 16-Jährige eingehen. Da kommt die Zusage für ein Stipendium der elitären Archer School für Balletttanz in Chicago genau richtig: Alle Absolventen der Schule erhalten unzählige Engagements, können ihr Leben mit dem Tanzen finanzieren. Doch Neveah muss feststellen, dass die Einrichtung von Madame Monique DuBois (Lauren Holly) alles andere als gut ist.

Die überwiegend reichen Schüler trainieren, bis die Zehen bluten, sie hungern oder kotzen ihr Essen wieder aus – zudem versuchen sie sich ständig gegenseitig zu sabotieren, um besser dazustehen; sexuelle Affären mit höheren Angestellten inbegriffen. Für Neveah klingt das verrückter als ihr altes Leben. Erst recht, als sie von einem versuchten Mord an einer Mitschülerin erfährt. Als die polizeilichen Ermittlungen ihren Lauf nehmen, muss sich Neveah fragen, wem sie trauen kann und ob sie wirklich in diese Welt passt.

Basierend auf dem Roman „Dein letztes Solo“

Die zehnteilige Netflix-Serie, die auch unter dem Titel „Tiny Pretty Things“ bekannt ist, basiert auf dem Roman „Dein letztes Solo“ von Sona Charaipotra und Dhonielle Clayton. Der versuchte Mord, bei dem bis zum Schluss unklar bleibt, ob das Opfer überlebt und wer der Täter ist, ist dabei aber nur eine überspitzte Randgeschichte. Vielmehr geht es um Teenager, die sich an einem Traum abarbeiten und die in einem System gefangen sind. Neveah ist dabei die einzige, die aus dem Raster fällt, die Normen hinterfragt, die für Werte kämpft und versucht, mehr an sich als am Tanzen zu wachsen. Das macht die Serie äußerst unterhaltsam. Toll ist zudem, wie modern die Drehbuchautoren die Geschichte erzählen.

In der Archer School gibt es etwa keine Unterschiede zwischen heterosexueller und homosexueller Liebe. Die Liebesszenen sind gleichermaßen illustriert und normalisiert, dasselbe gilt für religiösen Glauben und die Herkunftsländer der Darsteller. Wenn auch Neveahs Mitschüler Nabil (Michael Hsu Rosen) als Muslim zuerst ausgeschlossen wird und seine Kollegen etwas klischeehaft auf sein Beten reagieren, fängt die Serie gut die Auseinandersetzung mit Vorurteilen ein. Und auch Nabil wird schließlich Teil dieser elitären Welt. Das unterscheidet die Serie von einigen Netflix-Produktionen, die sich derzeit um Intrigen und Morde an Teenagern drehen. Anders als bei „Pretty Little Liars“ oder „Élite“ sollte man sich hier jedoch fürs Tanzen interessieren. Denn sonst werden einem die gut gefilmten Szenen im Ballettstudio vielleicht irgendwann zu viel.