Großer Jubel im Saal, als der Politiker Horst Berndt auf dem Podium verspricht, nach seinem Wahlsieg werde in der Stadt endlich „ausgemistet“. Die Partei heißt hier „NfD“ und ähnelt in Symbolik und Vokabular stark der AfD. Der rote, nach oben zeigende Pfeil auf dem hellblauen Parteilogo ähnelt einer Welle.

Wie anfällig gerade junge Menschen für einen autoritären Führerkult sind, danach hatte der Kinofilm „Die Welle“ vor elf Jahren gefragt. Der Film von Dennis Gansel basierte auf einem realen Schulexperiment, das 1967 in Kalifornien durchgeführt worden.

Jürgen Vogel spielte in der nach Deutschland übertragenen Geschichte einen charismatischen Lehrer, der eine totalitäre Bewegung gründet, um seinen Schülern ihre Verführbarkeit zu demonstrieren. Der Film mit Max Riemelt, Jakob Matschenz, Elyas M’Barek und Frederick Lau war mit 2,5 Millionen Zuschauern ein großer Kinoerfolg.

„Die Welle“ neu als Serie für Netflix produziert

Dennis Gansel und sein damaliger Ko-Autor Peter Thorwarth haben „Die Welle“ nun als Serie für Netflix neu produziert – und dabei komplett umgedreht und aktualisiert. Denn die Helden, die von sich behaupten „Wir sind die Welle“, ordnen sich keineswegs irgendeiner Autorität unter, sondern organisieren sich selbst.

Sie verabreden sich zu Aktionen gegen Plastikmüll, gegen Fastfood, gegen die sinnlose Vernichtung von teurer Kleidung, gegen Umweltzerstörer. Thematisch ist die Serie damit auf der Höhe der Zeit, sie war aber schon abgedreht, als die Bewegung „Fridays for Future“ für anhaltend hohe Wellen sorgte.

Statt um einen Führer schart sich die Gruppe 17-Jähriger hier um einen unangepassten Anführer: Tristan (Ludwig Simon) kommt als Freigänger aus dem Jugendknast ans Geschwister-Scholl-Gymnasium im fiktiven Meppersfeld und spricht gezielt Außenseiter an: Zazie (Michelle Bartel) wird als „Psycho“ gemobbt, Hagen (Daniel Friedl) als dicklicher Öko im Strickpulli, der gebürtige Libanese Rahis (Mohamed Issa) als „Kanake“.

Vor allem aber gewinnt er die smarte Streberin Lea (Luise Befort) für sich: Sie mistet schon nach der ersten Lektüre von Naomi Kleins „No Logo“ ihren Kleiderschrank aus und stellt dem Zuschauer immer wieder die entscheidenden Fragen: „Was würdest du riskieren für deine Ideale, deine Zukunft?“ Zugleich behauptet sie: „Wir werden die Welt nicht verändern, wenn wir uns an die Regeln halten!“ Lea ist auch diejenige, die die eigenen Methoden immer wieder infrage stellt.

Viele private Momente

Mag die starke Typisierung der Fünfer-Clique anfangs noch wie das Element einer typischen Jugendserie wirken, so schaffen es die Schauspieler schnell, sich freizuspielen, echte Individuen zu verkörpern. Ludwig Simon strahlt Kraft und Charisma aus, Luise Befort, in der TV-Serie „Club der roten Bänder“ als magersüchtiger Teenager aufgefallen, besitzt ein ungemein ausdrucksstarkes Gesicht – die Netflix-Welle wird ihr großes Talent in alle Welt hinaustragen.

Dabei gestattet sich die Serie auch viele private Momente. Wie hier nebenbei drei junge Paare zusammenfinden und um ihre Freundschaft kämpfen, das ist anrührend und komisch zugleich. Selten hört man so frische, ungekünstelte Dialoge wie hier.

Viel Sorgfalt verwendet die Serie darauf, die Protestaktionen der jungen Anarchisten wirklich kreativ und originell aussehen zu lassen – ihre Videos sorgen schließlich schnell für Nachahmer in ganz Deutschland.

So werden die Anleger eines Immobilienfonds auf einer Gala erst zu einem makabren Applaus gegen die Schwachen der Welt animiert – dann werden ihnen Heuschrecken auf dem Silbertablett serviert. Und der deutschnationale Brandredner aus der Ouvertüre wird nach einer trickreichen Entführung auf eine ganz besondere Weise bloßgestellt.

Dramaturgisch haben Autoren und Regisseure alles richtig gemacht: Dramatik und Spannung steigen, angetrieben von pulsierenden Elektroklängen, von Folge zu Folge, weil die Aktionen immer riskanter werden, ihnen die Polizei immer näher kommt. Ihr Hauptverfolger ist ein zynischer Kommissar, der im Angesicht der jungen Vegetarier vor dem Schlachthof ein Kalb erschießt, beim Verhör genüsslich ein Mettbrötchen kaut – und im übrigen heimliches Mitglied der NfD ist.

Während der Kommissar durchaus interessante Züge bekommt, denn er kämpft verzweifelt um seinen Posten und um seinen Sohn, werden die Schulnazis hier stets als hässliche Deppen vorgeführt. Geschlagen sind sie jedoch nicht: Der Ausgang bietet reichlich Anknüpfungspunkte für eine zweite Staffel.

Wir sind die Welle 6 Teile, ab Freitag bei Netflix