Eine Szene aus dem Film „The Trial of the Chicago 7“.
Foto: Netflix/Niko Tavernise

BerlinManchmal sind die Warnrufe der Kunst merkwürdig verquickt mit den Verläufen der Realität. Es mag natürlich Zufall sein, dass Netflix einen Film über die Manipulierbarkeit der Justiz und die Gefahren, die daraus entstehen, in die Haushalte bringt, während gerade weltweit die Fundamente der westlichen Demokratien ins Wanken geraten – in Polen, in Ungarn oder in den USA. 

Zufall oder nicht, die Parallelen zwischen Kunst und Realität sind manchmal frappierend. Polen mag so ein Beispiel sein: In der vergangenen Woche hat die polnische Anti-Korruptionsbehörde CBA das Haus des Oppositionspolitikers und Anwalts Roman Giertych gestürmt, ihn aus dem Bett gerissen und verhaftet, um dem Schlaftrunkenen anschließend die Anklage vorzulesen. Der Vorwurf: Giertych habe während eines Insolvenzverfahrens hohe Geldsummen veruntreut.

Vieles spricht dafür, dass Justizminister Zbigniew Ziobro, der Miterfinder der umstrittenen Justizreform, mit dieser spektakulären Verhaftung ein Exempel statuieren wollte. Pech nur, dass die zuständige Richterin die Beweislast als ‚zu gering‘ einstufte und den Haftbefehl daraufhin wieder aufhob. Das Justizministerium wurde blamiert und sah sich von der Richterin verraten. Nicht auszuschließen, dass sie berufliche Konsequenzen fürchten muss.

Was aber hat ein polnischer Korruptionsskandal mit einem Netflix-Film zu tun, der 1969 in Chicago spielt? Sehr viel, lautet die Antwort. Denn der neue Film von Aaron Sorkin zeigt, was mit westlichen Demokratien passiert, wenn die oberste Staatsmacht die Justiz als ihren Handlanger versteht und sie als politisches Druckmittel missbraucht. Sorkin zeichnet einen Justizskandal um acht politische Aktivisten nach, die vor Beginn und während eines Parteitags der Demokraten von 1968 in Chicago zahlreiche Proteste und Demonstrationen organisiert hatten, um die Abgesandten an die Absurdität und die hohen Opferzahlen des Vietnam-Kriegs zu erinnern. Später wurden sie für ihre Protest-Aktionen auf die Anklagebank gebracht. 

Die Polizei wollte ein Exempel statuieren

Man mag dieses historische Detail leicht übersehen. Fakt ist aber, dass ausgerechnet ein demokratischer Präsident die Eskalation im Vietnam-Krieg wesentlich mitbestimmte: Lyndon B. Johnson. Der Krieg geriet zum Debakel. 1968 entschloss Johnson sich dazu, auf eine erneute Kandidatur zu verzichten. Robert F. Kennedy bewarb sich stattdessen um das Präsidentenamt, wurde jedoch zwei Monate vor dem demokratischen Parteitag erschossen. Hätte seine Aufstellung etwas am Geschichtsverlauf geändert? Im November 1968 setzte sich bei den Präsidentschaftswahlen der Republikaner Richard Nixon durch.

Der Gerichtsprozess gegen die acht Aktivisten von Chicago fiel 1969 in die Nixon-Zeit, ihre Proteste in die Zeit davor. Die Hippies und Protestler der Anti-Kriegsbewegung kamen im August 1968 in Chicago zusammen, um den demokratischen Parteitag zu stören, um auf die schreiende Ungerechtigkeit in Vietnam aufmerksam zu machen. Die Chicagoer Polizei versprach, für Ruhe und Ordnung zu sorgen. Doch diese Strategie ging nicht auf. In der Nacht vom 28. August 1968 eskalierte die Situation, die Proteste endeten blutig. Demonstranten und Polizisten stießen zusammen, die Sicherheitskräfte gingen mit ungewohnter Brutalität vor. Die historischen Fakten legen nahe, dass man (ähnlich wie Polens Justizminister) ein Exempel statuieren wollte.

Es drohten zehn Jahre Gefängnis

„The Trial of the Chicago 7“ setzt an dem Moment an, als die Katastrophe bereits geschehen ist. Das Werk ist ein schnell getakteter, sagenhaft gut erzählter Gerichtsprozess, der die infamen Justizmethoden gegen die acht Angeklagten demaskiert. In Rückblenden werden die Geschehnisse vom 28. August 1968 nachgestellt und mit Original-Dokumentarmaterial aufgearbeitet. Einen der Aktivisten spielt der Satiriker und Borat-Star Sacha Baron Cohen, der sich in dieser Rolle bereits zum zweiten Mal überzeugend an einem ernsthafteren Charakter versucht.

Die Angeklagten wollen beweisen, dass das Gerichtsverfahren ein politischer Prozess, ja ein Schauprozess ist. Richard Nixon hatte die Justiz mit seinen Leuten infiltriert. John Mitchell (John Doman), Nixons Wahlkampfhelfer, wurde zum Attorney General ernannt, der wiederum ein hohes Interesse daran hatte, die Anti-Kriegs-Aktivisten als Scharfmacher zu verunglimpfen und sich an seinem Vorgänger Ramsey Clark zu rächen (sagenhaft gespielt von Michael Keaton). Die Staatsanwaltschaft beschuldigte letztlich die acht Angeklagten, eine Verschwörung geplant zu haben, um die USA ins Chaos zu stürzen. Außerdem hieß es, sie hätten die Polizei provoziert und mit der Gewalt angefangen, die Polizei hätte aus Notwehr gehandelt und lediglich reagiert. Auf der Grundlage eines neuen Gesetzes wollte man die acht Beschuldigten zu einer zehnjährigen Haftstrafe verurteilen. 

Selbst der Staatsanwalt muss schlucken

Der Film rekonstruiert diesen hanebüchenen Prozess und vertraut bei der Aufarbeitung auf die Kraft der Dialoge. Der alternde Richter Julius Hoffman (Frank Langella) gibt der Dramaturgie eine besondere Stärke, indem er sich als ein Mann alter Schule, als uneinsichtige rechte Hand des Staates inszeniert, die immer dann zupackt, wenn die Angeklagten mit unkonventionellen Methoden auf ihrer Unschuld beharren.

Besonders eindrucksvoll ist auch eine Szene, in der der Black-Panthers-Aktivist Bobby Seale (Yahya Abdul-Mateen II), der an den Chicagoer Demonstrationen kaum beteiligt war, auf sein Recht auf Selbstverteidigung verweist. Als er plötzlich zu laut aufmuckt, ordnet der Richter an, ihn fesseln und eine weiße Binde um den Mund wickeln zu lassen, damit er nicht mehr sprechen kann. Ein Bild, das man so schnell nicht mehr vergisst. Da muss selbst einer der federführenden Staatsanwälte schlucken (prominent besetzt durch Joseph Gordon-Levitt). 

Die Wachsamkeit der Bürger

Je mehr Tatsachen an die Oberfläche kommen, desto klarer wird, dass dieser Prozess ein politisches Instrument ist. Eine Stärke des Films besteht darin, parteiisch und dennoch nicht ungerecht zu sein. Man kann kaum glauben, dass dieser Justizskandal überhaupt geschehen konnte – und dennoch, die historischen Parallelen zu heute liegen auf der Hand. Sorkins Werk kommt zur richtigen Zeit, kurz vor der US-Präsidentschaftswahl, in der Trump wieder einmal unter Beweis stellt, dass er seinen Kulturkampf mit allen erdenklichen Mitteln führen will, um sein ganz privates Rechtsverständnis durchzusetzen.

Die Berufung der konservativen Richterin Amy Coney Barrett an den obersten Gerichtshof ist nur einer vieler Puzzlesteine in einem großangelegten Kampf gegen die liberalen Stimmen in den USA. Dieser Film zeigt: Irgendwann sind die Mittel der Demokratie, ihre eigene Demokratiehaftigkeit zu verteidigen, erschöpft. Dann ist das Engagement der Bürger gefragt. 

The Trial of the Chicago 7, Regie: Aaron Sorkin, USA, Spielzeit 130 Min, jetzt abrufbar bei Netflix.