Wenn das Internet tatsächlich ein Gradmesser für die Bewusstseinslagen der Menschen ist, wenn also an Klickzahlen wirklich ablesbar sein sollte, was Menschen beschäftigt, dann beschäftigt laut statistischen Erhebungen die Menschen nichts so sehr wie Katzenvideos.

Das Katzenvideo ist der größte gemeinsame Nenner der globalisierten Welt: Es wird am meisten produziert, angeschaut, gelikt und weitergeschickt. Umgekehrt finden sich auch nirgends derart heftige Shitstorms, also Beschimpfungs- und Empörungsfluten wie in all jenen Fällen, die mit Tierquälerei zu tun haben, und wiederum am allermeisten bei Katzenquälvideos.

Was sagt das über uns? Der Gegenwartsmensch ist besonders mitleidsfähig, könnte man meinen. Es dauert ihn das arme Tier. Aber es dauert ihn offenbar mehr als der leidende Mitmensch. Zumindest das internetbasierte Mitgefühl gehört der Katze, nicht dem Artgenossen.

Zuneigung durch Nichtverstehen?

Es gibt verschiedene Theorien, die diesen Umstand zu erklären versuchen. Zum einen findet sich der Hinweis, das Tier-Mitleid sei deshalb derart prominent, weil Tiere eine Sprache sprechen, die Menschen in der Regel nicht verstehen. Mit Katzen kann man nicht diskutieren, das macht die Zuneigung einfacher. Eine andere Theorie weist zudem darauf hin, dass gerade die große Differenz von Tieren und Menschen es ermöglicht, Mitleid zu entwickeln, weil das Ferne immer leichter und unverbindlicher zu lieben ist als es die Nächsten sind.

Beides leuchtet ein. Ich fürchte jedoch, es ist sehr viel simpler: Das Katzenvideo ist so beliebt und das Katzenquälvideo so verpönt, weil das Erfreuen an Katzenfilmen respektive das Erregen über Katzenquälereien es einem erlaubt, wenigstens für ein paar Katzenvideominuten lang weder an sich selbst noch an all die anderen Menschen noch an das große Ganze denken zu müssen. Denn denkt man daran, muss man fürchten, verrückt zu werden.Katze

Die Verhältnisse, in denen wir alle leben, sind längst nicht zum Aushalten, eigentlich. Da braucht es etwas, das einen entweder gemütlich stimmt oder über das man sich aufregen kann, ohne eben dieses große Ganze mit auf dem Empörungszettel zu haben.

Stillhaltefutter für 99 Prozent von uns

Katzenvideos sind Stillhaltefutter für 99 Prozent von uns allen, für die von dieser unserer Gegenwart und ihren Zuständen Überforderten, Gestressten, Geängstigten.

Wie lange geht das noch gut? Ist die Katzenvideovorliebe der Gegenwartsmenschen womöglich das Vorzeichen kommender Umstürze? Wohl kaum. Wahrscheinlich werden die Hunde- den Katzenvideos den Rang ablaufen. Wahrscheinlich bleibt alles wie gehabt, was wiederum ein Grund ist, zum nächstliegenden Katzenvideo zu klicken.