BerlinLyrik ist kühn, sagt Dagmara Kraus. „Lyrik ist stolz. Lyrik fordert. Und fordert heraus. Die Lyrik ist eine Titanin. Sie ist einsam auf ihrer Höhe.“ Die Dichterin schwört ihre Zuhörer auf das Besondere ein. Lyrik sei jedoch „diejenige, die seit jeher wie bestraft wirkt und leidet; martyrisiert, nimmt sie ihr Schicksal hin und wehrt sich nicht“.

Direkter ausgedrückt heißt das: Die öffentliche Wahrnehmung und Förderung ist auf die Prosa konzentriert. Lyrikerinnen und Übersetzer, Wissenschaftlerinnen und Institutionen gründeten deshalb 2017 das Netzwerk Lyrik. Dessen Fachtagung an diesem Wochenende fand genauso in der Vereinzelung statt wie ein Parteitag. Die leidenschaftliche Rede stand sogar formell als „Impulsvortrag“ im Programm. Dagmara Kraus (man kann das auf YouTube noch sehen), erfand kühn Kategorien, um das Innovative, Explosive, Beglückende ihrer literarischen Gattung zu feiern. Für die Buchstaben E und U, zuweilen noch der ernsthaften und unterhaltenden Kultur zugeordnet, nannte sie etwa „Exillyrik, Expertenlyrik, erbauliche Lyrik, entsetzliche Lyrik“ oder „Umstandslyrik, Umsatzlyrik, Umtrunklyrik, Umlauflyrik, Umweltlyrik“ und 51 mehr.

Die Dichter und ihre wissenschaftlichen sowie literaturbetrieblichen Begleiter haben sich also per Videoschalte getroffen, um über Umsatz und Übersetzung, über Publikation und Podien zu sprechen. Der Dichtung selbst war der Freitagabend gewidmet, paarweise lasen erst Nancy Hünger und Maren Kames, Dagmara Kraus und Alexandru Bulucz und wurden dann von einem klugen Moderator befragt, das zweite Duo zum Beispiel zur Mehrsprachigkeit. Alexandru Bulucz kam mit 13 aus Rumänien und entschied damals so konsequent, Deutsch zu lernen, bis er das Gefühl hatte, das Rumänisch sterbe in ihm aus. In seinen Gedichten kehren die Orte der Kindheit wieder als Material – in einem präzisen, bildstarken Deutsch. Dagmara Kraus, in Wroclaw geboren, war sieben Jahre alt, als sie mit den Eltern nach Deutschland zog, sie lebt inzwischen in Straßburg. In ihre Lyrik mischen sich polnische, französische und englische Begriffe, oft bildet sie klangvolle Mischworte.

Bas Böttcher und die drei Aggregatzustände

Der fünfte Gast wirkte zunächst wie ein Außenseiter in der Runde. Hatten die anderen alle frische Bücher herausgebracht, liegt die letzte Veröffentlichung von Bas Böttcher acht Jahre zurück. Aber der ist gar nicht traurig darum. Er ordnet die Aggregatzustände des Wortes so: Fest befindet es sich im Buch, gasförmig bewegt es sich durch die Gedanken und flüssig ist es in seiner gesprochenen Form. Für ihn, den Slam-Poeten, ist das Gedicht erst perfekt, wenn es vorgetragen wird. Und das führte er toll vor. Bas Böttcher bleibt der Außenseiter, denn seine Kunst erreicht ihr Publikum derzeit nicht.