Hamburg - In wenigen Tagen wird die Welt dort draußen erfahren, ob Hans Leyendecker mal Sesselpupser war. Dann nämlich wird Tilo Jung eine neue Folge „Jung & Naiv“ auf YouTube hochladen, in der er dieses Mal den bekannten Investigativ-Journalisten der Süddeutschen Zeitung mit jungen, naiven Fragen löchert. Und Leyendecker wird sich das Video vermutlich anschauen, wie Tausende, und schmunzeln.

Tilo Jungs Videoformat „Jung & Naiv“ wurde erst kürzlich mit einem Grimme Online-Award ausgezeichnet. Jung hat mehr als 10.000 Abonnenten bei YouTube. Die Folge, in der er Peer Steinbrück interviewt, sahen über 55.000 Menschen. Und die mit Sahra Wagenknecht fast 40.000. Auf einer Hamburger Tagung für Journalisten, dem „Netzwerk Recherche“, zeigte Jung am Wochenende, wie der ganze Erfolg zustande kommt – indem er eine seiner Folgen live vor Publikum produzierte.

„Wart ihr denn früher Sesselpupser?“

„Also, bei mir gibt’s keine Regeln“, sagt Jung auf dem Podium zu Leyendecker, „außer, dass ich alle Interviewpartner duze und sie sich provakante Fragen gefallen lassen müssen“. Wie immer wird das Gespräch mit zwei kleinen Kameras gefilmt, wie immer sitzt Jung seinem Gesprächspartner so nah gegenüber, dass sich schon mal die Knie berühren können. „Ich bin ein ignoranter Mensch, der keine Zeitung liest“, sagt Jung, Leyendecker nickt ein wenig verdutzt. Und dann geht es los. Jung fragt Fragen, die sonst nur Kinder stellen würden. Wer bist du, Hans Leyendecker? Wie kommt es, dass du Historiker warst und nun Journalist bist? Du hattest mit 30 fünf Kinder, ich bin 28, muss ich jetzt auch bald Kinder kriegen?

Leyendecker beantwortet brav. Spricht bereitwillig über seine Vergangenheit, seine einstige Sicht auf die Welt. „Ich war links damals“, sagt Leyendecker. „Was ist links?“, fragt Jung. „Ich hatte früher Che Guevara-Plakate in meinem Zimmer hängen“, sagt Leyendecker. „Bist du also so ein richtiger Hippie-Hans?“, fragt Jung. „Junge Leute heute sind viel besser ausgebildet als früher“, sagt Leyendecker. Und Jung fragt: „Wart ihr denn früher Sesselpupser?“

So ist das bei „Jung & Naiv“: Jung und sein Gegenüber springen oft von Höckschen auf Stöckschen. Politische Fragen mischen sich mit ganz privaten. Es geht ums Geschäft. Und ums Zwischenmenschliche. Und so spricht Leyendecker von seinen Streitereien mit Stefan Aust, dem ehemaligen Chefredakteur des Spiegels. „Wir haben uns damals angeschrien“, sagt Leyendecker. „Stefan hat verraten, was den Spiegel ausgemacht hat. Das hat mir damals einfach nicht gepasst.“ Jung will wissen, ob Leyendecker gut im Schreiben ist („Ich bin in allem mittelmäßig“) und ob alle Politiker Leyendeckers Nummer haben („Ja, aber die rufen fast nie an“). Zwischendurch richtet Jungs Assistent die Kamera neu ein, prüft den Ton.

Womöglich ist es genau das, was „Jung & Naiv“ so beliebt macht: Dass es wirkt, als sei es von jemandem gemacht, der so ist, wie wir alle. Einer, der peinliche Fragen hat, sich beim Sprechen auch mal verhaspelt. Einer, der zugibt, etwas nicht zu verstehen - und dem dann ein „Ach, echt?“ herausplatzt. Das kann gut tun: Sich aus sicherer Entfernung anzusehen, wie jemand durch die Welt spaziert – und immer dort noch ein Stückchen weitergeht, wo alle nicht ganz so Mutigen Halt machen würden.