Köln - Längst überlagern persönliche Verletzungen die Finanzaffäre des Netzwerks Recherche. Zweck des Vereins von Journalisten ist es, Recherche zu fordern und zu fördern, um Missstände zu enthüllen, Filz zu entzerren und intransparente Vorgänge zu beleuchten. Einer, der dies am lautesten propagiert, ist Thomas Leif, Chefreporter des Südwestrundfunks, Mitbegründer und bis zum Sommer Erster Vorsitzender des Netzwerks Recherche. Zur Aufgabe dieses Amts wurde er gedrängt, nachdem in Unterlagen, zu denen nur er Zugang hatte, Unstimmigkeiten, falsche Zahlen und nachträgliche Korrekturen entdeckt worden waren.

Seit langem gab es Fragen zu den intransparenten Finanzen. Wohl erst in diesem Frühjahr gab es auch Belege für Unstimmigkeiten. Es zeigte sich, dass Fördermittel der mit Steuergeldern finanzierten Bundeszentrale für politische Bildung (BpB) zu Unrecht an das Netzwerk Recherche geflossen sind: rund 75.000 Euro in den Jahren 2007 bis 2011. Nachdem Mitglieder des Netzwerks dies entdeckt hatten, wurde das Geld unverzüglich zurückgezahlt. Wirtschaftsprüfer wurden beauftragt, die Vorgänge zu untersuchen. Unterm Strich belaufen sich die Kosten auf 122.000 Euro. Künftig will der Verein seine Finanzen offenlegen.

Neuwahlen von Leifs Angriff begleitet

Am Freitag sollte eine neue Ära beginnen. Zehn Jahre nach der Gründung des Netzwerks wurde ein neuer Vorstand gewählt, um Macht und Arbeit auf mehrere Schultern zu verteilen. Doch einer scheint der neuen Ära im Weg zu stehen. Leif will das Netzwerk zerstören, raunte es am Freitag in Köln. An einem 11. 11. und dann auch noch in Spuckweite zum Kölner Dom die Mitgliederversammlung und die Wahl des Vorstands stattfinden zu lassen, hatte Anlass zur Sorge gegeben, wo es wohl närrischer zugehen würde. Bis zuletzt wurde befürchtet, der vertriebene Leif könnte auftauchen und die Veranstaltung sprengen. Es verlief dann doch einigermaßen friedlich.

Neuer erster Vorsitzender ist Oliver Schröm, Leiter des Stern-Ressorts Investigative Recherche, der ebenso ohne Gegenkandidat war wie Spiegel-Reporter Markus Grill als sein Stellvertreter. David Schraven, Leiter des Recherche-Ressorts der WAZ-Zeitungen, ist neuer Schatzmeister. Doch der harmonische Schein trog. Am Sonntag erschien der Spiegel. Darin: ein Gespräch mit Thomas Leif. Es sei von Anfang an um eine „Konfliktinszenierung“ gegangen, „nicht um die Lösung der Sachprobleme im Zusammenhang mit einem komplizierten bürokratischen Antrag“, schimpfte er und sprach von „Abgrenzungsproblemen“, die man mit der BpB hätte klären können. Und dann: „Im Nachhinein ist mir klar, dass ich besser einen Wirtschaftsprüfer mit einem Stundenlohn von 500 Euro mit dem Ausfüllen der Anträge beauftragt hätte. Ich hätte es nicht selbst machen sollen.“ Am Freitag hatte Schraven gesagt: Hätte Leif nicht versucht, sich mit „Märchen“ herauszureden, die sich nach Prüfung als falsch erwiesen, wären bei den Wirtschaftsprüfern viele Stunden weniger angefallen. Gegen Leif ermittelt die Staatsanwaltschaft Wiesbaden wegen des Verdachts der Untreue und des Betrugs.