Oma ist gestorben. Die Trauer darüber wird jedoch durch ein Testament gemildert. Jedem in der Familie hat die alte Dame etwas vermacht. Die Enkelin Tina, die sich immer so zärtlich um Oma gekümmert hat, erbt ein Haus. Nicht im belgischen Charleroi, wo sie wohnt, sondern auf Korsika. Von dort kamen Opa und Oma einst in den Norden Mitteleuropas. Tinas Eltern denken bei dem Haus sofort ans Verkaufen. Die Erbin will die Immobilie jedoch erst mal sehen.

Korsika ist kein Idyll

In belgischen Filmen sieht Belgien fast immer trostlos aus: grau, verregnet, irgendwie arm. Ein Haus auf der schönen Insel Korsika muss da als Hauptgewinn gelten! Nicht das Gebäude in diesem Film, der im Original viel treffender – wörtlich übersetzt – „Am Arsch des Wolfes“ heißt. Denn dort liegt das Haus: wo zu Deutsch der Hund begraben ist. Als Tina auf Korsika eintrifft, um ihr Erbe zu begutachten, weiß kaum einer, wo genau das Kaff liegt, das ihr neues Eigentum beheimatet. Mausoleo heißt der abgelegene Ort in den Bergen. Zwölf Bewohner hat er, die meisten davon wohnen aber nur im Sommer hier. Denn Korsika ist kein Idyll, jetzt im Winter, sondern kalt, unwirtlich, schroff. Tina schreckt das aber nicht ab.

Und das ist der Hauptgrund, warum man diesen wunderschönen, belgischen Film auf keinen Fall verpassen sollte, der so behutsam wie präzise von einer jungen Frau erzählt, die nach einer Zukunftsperspektive sucht: eine sensationelle Hauptdarstellerin. Das alles und mehr macht Christelle Cornil ohne viele Worte, allein schon in der Klarheit ihrer Züge deutlich als Tina: Das Leiden an einem Leben ohne Aussicht auf erfüllende Arbeit; die stille Frustration in einer zu routinierten Beziehung; der Hunger nach Sinn; die Ablösung von dominanten Eltern, die nur das Vernünftige akzeptieren; die Hoffnung darauf, wieder wahrgenommen zu werden als Frau. Und die Neugier auf die Herkunft der Großeltern, also die eigenen Wurzeln. Wenn man Christelle Cornil dabei zusieht, wie sie als Tina entschlossen einen neuen Weg betritt, dann zieht es einem seltsam in der Brust.

Unbedingter Wille die Verzweiflung zu überwinden

Tinas Entscheidung ist gewiss nicht „vernünftig“. Das Haus ist alt, eine Sanierung würde viel Geld kosten, das die junge Frau nicht hat. Doch Tina fühlt sich hier gleich zu Hause – weil sie sich sonst nirgendwo mehr zu Hause fühlen würde, wie sie sagt. Es ist dieser unbedingte Wille, die eigene Verzweiflung zu überwinden, etwas zu tun, die einen umwirft bei dieser verhuscht wirkenden jungen Frau. Und wenn Tina dann ein gemütlicher Hund zuläuft und auch noch ein flotter Schäfer ihren Weg kreuzt, mag das wohl Kitschverdacht provozieren bei all den ohnehin atemberaubenden Inselansichten. Aber man muss da keine Angst haben. Pierre Ducolot, früher Lehrer, Journalist, Produzent, weiß genau, was er macht bei seinem ersten selbst inszenierten Spielfilm, der in der Familie einen Generationenkonflikt erforscht und dabei eine Selbstfindungsgeschichte entdeckt.

Heute das Vermächtnis der Vergangenheit zu ehren, wird hier zur Grundlage eines Zukunftsentwurfs. Wie jeder gute belgische Regisseur – man denke an die Brüder Dardenne – orientiert sich Ducolot an der Wirklichkeit, dem mühevollen Alltag. Dass der kein Märchen ist, weiß der Zuschauer aus eigener Erfahrung.

Das Haus auf Korsika (Au cul du loup) Belgien 2012. Regie: Pierre Duculot. 82 Minuten, Farbe. FSK o. A.