Die Übung erscheint wie eine leichte Aufgabe für einen Ehemann: Valentin Dorek (Devid Striesow) soll die Faust und damit symbolisch das Herz seiner Frau Joana (Aglaia Szyszkowitz) öffnen. Mechanisch werkelt er an ihren Fingern rum, sie gibt keinen Deut nach.

Bevor die Situation endgültig zum Zweikampf im Fingerhakeln eskaliert, geht der Paartherapeut Harald (Erwin Steinhauer) dazwischen. Der Alt-68er ist in seiner Gesamterscheinung bereits ein Gegenmodell zum Ehepaar: kauzig, leger und gutmütig.

Jeder Satz so ätzend wie Säure

Jede kurze Pause nutzt er, um seinem Heißhunger auf Schokolade zu frönen oder schnell ein Joghurt zu löffeln. Eine Gelassenheit, die sich keineswegs auf die Doreks übertragt. Stattdessen offenbart die „gesunde Polemik“, die er dem Paar anfangs noch zuspricht, ihr wahres Gesicht. Jeder Satz der zwischen den Partnern fällt, ist ätzend wie Säure, jede Bemerkung eine offene Provokation, jeder neue Gesprächseinstieg mit Missgunst vergiftet.

Das streitsüchtige Ehepaar entstammt der gleichnamigen, überaus erfolgreichen Theaterkomödie von Daniel Glattauer. Um das Boulevardstück nicht allzu bühnenhaft auf die Leinwand zu bringen, betonen die Bilder des Films stets offenkundig die Distanz zwischen den Ehepartnern.

Bereits auf dem Weg in die Praxis sitzen die beiden getrennt voneinander in der U-Bahn. Auf dem anschließenden Fußmarsch hält Valentin Abstand von seiner Frau, wie ein Geheimagent bei der Observation.

So ist der Fall klar, lange bevor das Paar überhaupt in der Praxis ankommt: Die Doreks führen das Klischee einer gescheiterten bürgerlichen Ehe. Er, einst Draufgänger, jetzt technischer Direktor, lebt mehr für seine Arbeit als für die Familie. Sie, Historikerin, schmeißt das Familienleben zu neunzig Prozent allein und sieht in den restlichen zehn Prozent kein Potenzial mehr für eine gemeinsame Zukunft.

Ein eher mechanischer Ablauf der Dramaturgie 

Im Bildkader herrschen ebenso klare Verhältnisse wie in der Beziehung. Kameramann Wolfgang Thaler nutzt die Statik des Therapiezimmers, das Regisseur Michael Kreihsl von der Wiener Bühne, wo er das Stück 2015 inszenierte, in einen Wiener Altbau verlegt: Der Mann sitzt links, die Frau rechts, zwischen ihnen Leere. Das Breitwandformat betont hier nicht nur die Distanz zwischen den Ehepartnern, es zeigt sie wie Duellisten.

Für eine gewisse Zeit vermag der Westernlook das Geschehen aufzulockern, doch über die Gesamtlänge des Films wird „Die Wunderübung“ zu einer eher ermüdenden Therapiesitzung. Striesow, Szyszkowitz und Steinhauer kämpfen tapfer gegen die permanente Variation der gleichen Streitsituation an, müssen sich aber doch dem mechanischen Ablauf der Dramaturgie geschlagen geben.

Entschlossen steuert der Film auf eine Volte zu, die den Rosenkrieg nochmals umkrempelt. Doch jede Andeutung einer giftigen Farce, die durchaus eine reizvolle Spielart des Boulevardstücks ist, bleibt dabei auf der Strecke.

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Infos zu Die Wunderübung, Öst. 2018.
Regie: Michael Kreihsl,
Buch: Michael Kreihsl, Daniel Glattauer 
Darsteller: Aglaia Szyszkowitz, Devid Striesow, Erwin Steinhauer
Dauer: 90 Minuten, Farbe