Neu im Kino: Ein Ort des Bleibens - Das Geflüchtetenheim im Flughafen Tempelhof

Am Anfang steckt noch alles in den Symmetrien der Geschichte. Die Kamera entwirft den Raum wie eine Kathedrale: Die Abflughalle mit ihren endlos hohen Wänden, die brutale Außenfassade mit ihren ebenmäßigen Fensterreihen, das Rollfeld, das sich bis nach hinten, bis zum Schillerkiez erstreckt – erhabenheitsästhetisch, zentralperspektivisch. Eine Historikerin führt eine Gruppe von Besuchern durch die hohen Hallen des ehemaligen Flughafens in Berlin-Tempelhof.

Sie erzählt von Hitler und seinen gigantomanischen Fantasien vom größten und schönsten Flughafen der Welt, dann berichtet sie von der Luftbrücke in den Jahren 1948 und 1949 und schließlich von der Stilllegung des Betriebs. Anschließend steigt die Kamera mit einer Drohne auf, hinter dem massiv-geschwungenen Gebäude, das rechts und links immer weiter aus dem Bildkader wuchert, zeigt sich die Berliner Skyline, darüber donnert Wagners „Rienzi“-Ouvertüre.

Über die Menschen in den Notunterkünften

Diese historische Ausholgeste, die der brasilianische Regisseur Karim Aïnouz an den Anfang seines Dokumentarfilms über die Menschen in den Notunterkünften in den Tempelhofer Hangars stellt, verrät viel über das ästhetische Programm von „Zentralflughafen THF“. Es geht in diesem Film nämlich um weit mehr als nur um eine Dokumentation des Bürokratie- und Integrationsalltags in einem Berliner Geflüchtetenheim, es geht auch um eine Art filmische Flexibilisierung von alten, starren Sinnzusammenhängen.

Aus der mit Wagner aufgemotzten ikonischen Darstellungsweise eines machtstrotzenden NS-Baus folgt der Blick nach innen. Dann sehen wir die aneinandergereihten Wohneinheiten, die man in die gigantische Terminalhalle hineingestellt hat. Die alte Lautsprecheranlage wird genutzt, um die Menschen zu informieren, dass man sich zu bestimmten Uhrzeiten die Haare schneiden lassen könne. Aus dem alten Passagenraum wird ein Ort des Bleibens; in der Transitleere bilden sich Inseln der Permanenz.

Die protodemokratisch-kosmopolitische Spielwiese

Viele Neuankömmlinge – so erzählt es der junge Syrer Ibrahim, der schon seit über einem Jahr in Tempelhof lebt – würden beim Anblick der alten Flugmaschinen, die draußen noch auf dem Rollfeld stehen, erstarren. Sie hätten für einen Moment die Sorge, von hier aus abgeschoben zu werden. Die Sinntransfers, von denen Aïnouz erzählt, können zynische Züge annehmen. An anderen Stellen liegt in ihnen aber auch etwas Offenes und Hoffnungsvolles.

Getrennt durch einen Zaun, der sich im null Komma nichts, wie wir einmal sehen, überklettern lässt, grenzt das Tempelhofer Feld, die protodemokratisch-kosmopolitische Spielwiese Berlins, an das Gebäude. Auch hier hin findet der Film immer wieder zurück. Dann zeigt er uns die Hipster-Spätibierkultur, die Jogger, die Kleingärtner am Osteingang des Feldes oder einen Fuchs, der bei Nacht durch die Wiese stapft.

Eine Art Integrationsmontage

Aus der Gesamtschau dessen, was auf dem Areal des ehemaligen Flughafens geschieht, wer sich hier mit wem in welchen Weisen welche Räume und Plätze teilt, zimmert Aïnouz eine Art Integrationsmontage. Aus dem Nebeneinander von Geflüchtetenheim und Tempelhofer Freiheit wird ein Ineinander, eine filmische Verzahnung unterschiedlichster Lebensrealitäten und -praktiken. Genau das wird möglich, wenn starre Sinnzusammenhänge flexibel werden, wenn ein Flughafen streng genommen kein Flughafen mehr ist und ein Zaun keine Grenze.

Einmal löst sich der Sinn ganz besonders schön von seinem Träger: wir sehen das verschneite Feld in ruhiger Einstellung. Darüber spielt ein Auszug aus Schuberts Winterreise. Ein Stück deutsche Romantik öffnet sich der Gegenwart von Geflüchteten in Deutschland: „Sind denn in diesem Hause/Die Kammern all’ besetzt?/Bin matt zum Niedersinken/Bin tödlich schwer verletzt.“

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Zentralflughafen THF Dtl./Frankreich/Brasilien 2018, Regie Karim Aïnouz; 100 Minuten, Farbe