Es war das richtige Buch zur richtigen Zeit. Nick Hornbys „High Fidelity“ holte damals, in der zweiten Hälfte der Neunzigerjahre, viele Leute in ihrem Lebensentwurf ab, auch mich. Ich stand zu dieser Zeit hinter dem Tresen des Kreuzberger Videodroms, Hornbys Roman erreichte mich passenderweise dort als Leihgabe eines befreundeten Stammkunden, ich fühlte mich sofort ganz persönlich angesprochen vom Autor und seinem Protagonisten, Rob.

Der war nur knapp älter als ich, Betreiber eines kleinen Plattenladens, zu gleichen Teilen Experte wie Snob: Wer in das Geschäft kommt, hat prinzipiell keine Ahnung, musste informiert, belehrt ob fragwürdiger Entscheidungen auch mal zurechtgestutzt werden. Aufklärungsbedürfnis und selbst auferlegter Bildungsauftrag mit gelegentlich arrogantem Zug. Und so wie Rob sein Leben und seine Beziehungen mit Songs, Mixtapes, Best-of-Listen gliedert, bewertet, einordnet, waren es bei mir Filme und Spielszenen.

Ein Buch für Nichtleser

Bei allem Fachwissen, bei aller Coolness schält sich in „High Fidelity“ erst nach und nach heraus, dass Rob sich in die Musik, in seine Kunst flüchtet, aber so auch nicht reif oder wirklich erwachsen wird. Musikalisch kamen Rob beziehungsweise Hornby und ich damals nur bedingt zusammen – Hornby ist Traditionalist mit Hang zu Punk und Liedermachern, Gitarren und Indie-Musik, ich steckte zur Zeit meiner ersten Lektüre bis über beide Ohren in HipHop, TripHop, Chillout und Drum’n’Bass. Die Leidenschaft für Musik haben wir trotzdem geteilt. Ich bin kein großer Roman-Leser, aber „High Fidelity“ habe ich sehr geliebt.

Das war ein gewaltiger Erfolg. Und die von London nach Chicago verlegte Filmversion von Stephen Frears im Jahr 2000 immer noch ansehnlich. John Cusack spielte den amerikanischen Rob ganz gut, aber Frears pegelte dessen Melancholie und Selbstzweifel etwas herunter; im Kino bekam man etwas weniger Grübelei, aber dafür, na ja, immerhin auch Jack Black. Das war schon der zweite Hornby-Film nach dem zweiten Hornby-Roman, vorher kam als Buch und auch Film „Fever Pitch“, die autobiografisch gefärbte, sehr englische Geschichte eines leidenschaftlichen Arsenal-Fans. 

„High Fidelity“ war für Nick Hornby der große Durchbruch, geschäftlich sowieso, aber auch im Kino. „About a Boy“ war dann vielleicht nicht unbedingt ein besseres Buch, aber vor 15 Jahren auf jeden Fall ein besserer Film: Die Menschwerdung, das Erwachsenwerden des sorglosen, ziellosen Will Freeman (Hugh Grant), der auf der Suche nach interessanten Frauen in einer Selbsthilfegruppe für Alleinerzieher an den halbwüchsigen Marcus (Nicholas Hoult) gerät. Eine schiefe Bruderschaft, eine seltsame Freundschaft. Die Regisseure Chris und Paul Weitz trotzen Hornbys Vorlage anrührende Momente ab, was sich insbesondere den großartigen Schauspielerinnen Toni Collete und Rachel Weisz verdankte.

Ein obsessiver Musikliebhaber

Nick Hornby schrieb dann immer weiter, bald aber auch direkt fürs Kino. Er lieferte die Drehbücher für Lone Scherfigs „An Education“ (2009), die biografische Aussteiger-Geschichte „Wild“ mit Reese Witherspoon (2014) und zuletzt für den großartigen, hierzulande leider untergegangenen Film „Brooklyn“ (2015) mit Saoirse Ronan. Hornby ist dabei stets ein aufmerksamer wie sensibler Autor gewesen, nicht viele Leute beherrschen die literarische wie filmische Form gleichermaßen. Entsprechend hoch sind jetzt die Erwartungen an den neuesten Hornby-Film „Juliet, Naked“.

Die Geschichte spielt mit vielen Motiven früherer Hornby-Erzählungen, besonders was den obsessiven Musikliebhaber betrifft. Der heißt hier Duncan (Chris O’Dowd), lebt mit seiner Langzeit-Freundin Annie (Rose Byrne) im verschlafenen südenglischen Nest Sandcliff, unterrichtet Populärkultur an einer Schule – und hat sein ganzes Leben dem kurzen Werk des amerikanischen Musikers Tucker Crowe (Ethan Hawke) gewidmet.

Der verschwundene Star

Crowe war 1993 nach einem Konzert verschwunden, Duncan diskutiert auf dem von ihm betriebenen Internet-Forum Crowes Musik, aber auch seinen möglichen Aufenthaltsort. Für Annie ist das kein schönes Leben. Als sie sich die Zusendung mit frühen Aufnahmen zu Crowes Album „Juliet“ vor Duncan anhört und dann auch noch einen abfälligen Beitrag in das Forum stellt, kriselt es schwer. Doch dann erhält sie Mails von dem Musiker selbst. Eine heimliche Brieffreundschaft beginnt. Duncan geht fremd, Annie trennt sich. Crowe kommt mit einem seiner vielen unehelichen Kinder nach England zu Besuch.

Das alles erzählt der Regisseur Jesse Peretz seltsam drucklos und mäandernd. Im Kern geht es wohl um müden Glanz, um den Ruhm vergangener Tage, den Selbstbetrug in schlechten Beziehungen wie auch den Betrug an und von Fans. Duncan ist ein Rob aus „High Fidelity“, der nie erwachsen wurde, ein unsympathischer Nerd. Vielleicht schließt sich so ein Kreis, doch am Ende schmeckt „Juliet, Naked“ doch nur nach Hornby light, nach Fernsehfilm, immer etwas gewollt, oft eher fad.

Juliet, Naked USA/GB 2018. Regie: Jesse Peretz. Drehbuch: Evgenia Peretz, Jim Taylor, Tamara Jenkins, Kamera: Remi Adefarasin, Schnitt: Sabine Hoffman, Robert Nassau, Darsteller: Rose Byrne, Chris O’Dowd, Ethan Hawke u. a., Farbe, 97 Minuten. FSK: frei