Für Verfilmungen sind kurze Bücher besser. Ian McEwan hat eine Menge davon verfasst, und als wolle er die alte Regel immer wieder neu beweisen, betreibt der britische Bestsellerautor gerade die Verfilmung seiner Romane, die man eher Novellen nennen kann, in rasender Geschwindigkeit.

Eben erst gelangte „Am Strand“ in die Kinos, die filigrane Keuschheitsparabel aus den Sechzigerjahren, für die McEwan auch das Drehbuch verfasste. Auch in „Kindeswohl“ geht es um Sex, oder das Fehlen davon, was nun nicht die Kürze erklärt. Wieder wirkt es aber so, als finde der Autor im anderen Medium jene Emotionalität, die dem notorischen Rationalisten literarisch abgeht. Dabei schreibt er seine Drehbücher nicht anders.

Auf dem Blatt, und bisweilen im Roman, wirkt Richterin Fiona Maye wie eine sterile Kopfgeburt. Wo sie waltet, gilt „das Recht, nicht die Moral“. Gleich zu Beginn hat sie eine salomonische – also unmögliche – Entscheidung zu treffen. Siamesische Zwillinge müssen getrennt werden, nur ein Kind kann überleben.

„Kindeswohl“ offenbart mehrere Dilemma

Gegen die Eltern entscheidet Maye, wie es im Gesetz steht, für das „Kindeswohl“. Was bedeutet, dass ein Kind sterben muss. Ihre Begründung ist nicht kalt oder unmenschlich, sondern schlichtweg richtig und wie immer brillant. Natürlich, da testet McEwan immer wieder seine eigenen Grenzen aus, muss diese britische Nüchternheit auf die Probe gestellt werden.

Ihr Mann Jack eröffnet Fiona eine Affäre. Er hat, kurz gesagt, alle Argumente auf seiner Seite und möchte die Ehe sogar erhalten. Doch Fiona fühlt sich gedemütigt. Wie kommt sie mit einer privaten Situation zurecht, in der es um die eigene Moral geht statt um das Recht? In einem weiteren Fall gerät sie in das gleiche Dilemma.

Es geht um einen minderjährigen Zeugen Jehovas, der trotz fortgeschrittener Leukämie einer Bluttransfusion widerspricht. Bleibt er bei seiner Haltung, in der ihn die Eltern bestärken, erwartet den 17-Jährigen ein grausamer Tod. Indem sie den Jungen im Krankenhaus besucht, um sich ein Bild zu machen, bricht Fiona mit den Regeln ihres Stands.

„Kindeswohl“ stellt die britische Nüchternheit auf die Probe

Begonnen hat alles damit, dass sich McEwan in die Gerichtsprosa verliebt hat, mit ihren unverhofft literarischen Qualitäten. „Kindeswohl“ ist daher zunächst mal ein rauschendes Plädoyer für das Recht. Nicht das kalte und lebensferne Recht, das in Filmen oft willkürlich erscheint, sondern das aus akademischer Weisheit und jahrhundertelanger menschlicher Erfahrung geborene Recht und seine heutige Rolle als unerlässlicher Garant des Menschenwohls.

Aber dieses immer auch unzulängliche Recht will ausgefüllt sein, es bedarf des Menschlichen. Und so würde der juristischen Exegese nahezu alles fehlen, würde seine Protagonistin Fiona nicht von Emma Thompson gespielt.

Denn so gerne man klugen Abwägungen über Recht und Moral, persönliche Freiheit oder das Primat des kleineren Übels auch folgt – es wird viel besser, wenn man es von Emma Thompson hört. Um all das geht es in dem Fall, in dem Fiona schließlich das Leben vor die Würde stellt. Doch wie steht es um die eigene Würde? Ist sie einem gerade so „funktionierenden“ Eheleben nicht doch vorzuziehen? Oder, anders gefragt: Was muss eine Schauspielerin tun, dass eine verletzte Ehre nicht aussieht wie blöder Trotz, falscher Stolz, vom Schicksal auferlegtes Opfertum? 

Das ist die Disziplin, in der Thompson niemand etwas vormacht. Sie spielt ihre Rolle so zurückhaltend wie immer, manchmal sarkastisch, aber ohne hohle Ironie. Ihre Richterin ist wie das Recht selbst, eine von außen nüchterne Sache, in der Leidenschaften kochen, quälende Fragen mit zu vielen Antworten.

„Kindeswohl“ ist sowohl zeitlos als auch aktuell

Neben Stanley Tucci als unverschämt sympathischem Ehebrecher sieht man die Britin hier in einer der besten Rollen ihrer Karriere. Noch interessanter gestaltet sich das Zusammenspiel mit Fionn Whitehead. Denn nicht nur auf uns Zuschauer, sondern auch auf Adam, den tief religiösen, aber auch wissbegierigen und überdies charmanten Leukämiepatienten, macht Fiona mächtig Eindruck. Sie ersetzt ihm die Religion durch die Schönheit des Rechts. Dem Zeugen Jehovas, der in den Worten der Gläubigen „in der Wahrheit lebt“, verschafft sie eine andere Wahrheit – mit haarsträubenden Konsequenzen.

Der Regisseur Richard Eyre hat schon aufregendere Filme gemacht, etwa „Tagebuch eines Skandals“ mit Judi Dench, so wie der junge Ian McEwan, heute 70, schon provokativere Bücher geschrieben hat. Aber „Kindeswohl“ ist doch mehr als gediegenes Gerichtsdrama im luxuriösen Ambiente der besseren Kreise, mit herausragenden Darstellern und dem gewohnten britischen „comic relief“.

Die von McEwan souverän aufgeworfenen ethischen Fragen um Religion, Menschenwürde und Selbstbestimmung wirken so zeitlos wie aktuell. Mit dem Recht, lernen wir, geht eine Verantwortung einher, die nicht an der Gerichtstür endet. Und so ist, ob man will oder nicht, am Ende doch alles eine Frage der Moral.

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Kindeswohl (The Children Act) GB 2017. Regie: Richard Eyre, Drehbuch: Ian McEwan, Darsteller: Emma Thompson, Stanley Tucci, Fionn Whitehead, Jason Watkins u.a.; 105 Min., Farbe.