Wie wird man einem Menschen gerecht? Das ist die ewige Frage des Biopics, und nur wenige stellen diesbezüglich eine härtere Aufgabe als Nico, die 1938 als Christa Päffgen in Köln geborene Co-Sängerin der Velvet Underground, von der so viele grundverschiedene Bilder existieren, dass einem ganz schummerig wird.

Als sie im Sommer 1988 auf dem Berliner Friedhof Grunewald-Forst beigesetzt wurde, spielte Ari, der Sohn, ihre Aufnahme von „Mütterlein“ von einem Kassettenrekorder ab. Eine schöne Geste, sollte man meinen. Fanden aber auch nicht alle toll. So ein Kitsch!

Die Filmemacherin Susanna Nicchiarelli will ihn ganz entfernen, den Heiligenschein, das Bild der schönen Eisgöttin ein für alle Mal tilgen. Ihre Nico ist anders. Warhols Superstar? Lou Reeds „Femme fatale“? Als ihr ein Interviewer damit kommt, wird der gefallene Engel kratzig. Und denkt schon wieder an den nächsten Schuss.

Man erfährt nichts Neues

Die Italienerin konzentriert sich ganz auf die letzten Lebensjahre der Künstlerin, als sie mit einer spektakulär untalentierten Band von Namenlosen durch Osteuropa tingelte, ein Schatten vergangener Tage, immer an der Nadel. Irgendwann wird das Heroin durch Methadon ersetzt, nicht mehr als ein Aufschub.

Immerhin, in Prag reißt sie das darbende Publikum mit einer merkwürdig rockigen Version von „My Heart Is Empty“ von den Sitzen. Und irgendwie gelingt dem leeren Herzen doch die Aussöhnung mit dem einzigen Sohn, Arilein, von ihr persönlich als Kind angefixt.

Man erfährt nichts Neues in „Nico, 1988“. Susanne Ofteringers einfühlsame Dokumentation  „Nico Icon“ von 1995 behält ihre Gültigkeit. James Young hatte darin seinen Auftritt, Nicos damaliger Gitarrist, dessen drei Jahre vorher erschienenen Tourbericht Nicchiarelli zweifellos gelesen hat.

Von der „Ikone“ ist nicht mehr viel übrig

Die zerstörerische Sucht der Sängerin, ihr Kampf gegen das eigene Image, der Hang auch zur biografischen Schönfärberei sind bestens dokumentiert. Von der „Ikone“ Nico ist seither nicht mehr viel übrig. Warum nun also der Film?

Trine Dyrholm könnte so ein Grund sein, selbst eine kleine Legende, nämlich des dänischen Films, und ihre energetische Darbietung der Nico wird nun viel gelobt. Sie hat nur nichts mit Nico zu tun. Gewiss, nicht bei jedem Konzert war die Sängerin ganz bei sich, manche Aufnahmen darf man   gespenstisch nennen.

Aber es gibt auch andere. Sie konnte lächeln, auch als ihr nicht mehr danach zumute war, schüchtern und ein bisschen hochnäsig – die Eleganz und Weltgewandtheit eines Ex-Mannequins hat sie nie ganz losbekommen.

Mit deutscher Grabesstimme

Vor allem konnte sie singen, mit dieser ureigenen deutschen Grabesstimme, die in der Tiefe beeindruckte und in den Höhen erschütterte. Davon ist Trine Dyrholms grölender, rumpelnder Auftritt so weit entfernt, dass man besser darüber schweigt.

Aber andererseits, liegt in solchen Dingen nicht die   Würde eines Künstlers? Fast jedes  Pop-Biopic sieht sich in diesem Spagat, zwischen Huldigung und bitterer Wahrheit. Gerne gleicht es dem Gegenstand, ist experimentell wie „I’m Not There“ über Bob Dylan, enigmatisch wie „Last Days“ über (vielleicht) Kurt Cobain, melancholisch wie „Love & Mercy“ über Brian Wilson.

„Nico, 1988“ will so kaputt sein wie Nico am Ende ihrer Tage. Darum wirkt der Film falsch in seinen wenigen empathischen Momenten und geradezu aggressiv in seinem Opferkult. Das Vorgehen ist zumindest problematisch.

Dabei ist nichts von dem, was Nicchiarelli erzählt, völlig falsch. Es kommt nur erstens ein reichlich dröges Stück Kino dabei heraus, das zwischen belanglosem Backstage-Drama und Küchenpsychologie hin und her pendelt – Nicos Kindheitserinnerungen vom brennenden Berlin waren ein wichtiger Baustein ihrer Arbeit, aber dazu braucht es nicht Bombengetöse vor jeder zweiten Szene.

Zweitens riskiert die Filmemacherin, ganz sicher wider Willen, Nicos in der Tat spektakuläre Selbsterfindung einseitig als Verfallsprozess zu deuten. Sie begann, was Unkundige kaum merken dürften, lange vor dem Heroin. Die blonden Haare wurden schwarz, die Gewänder weit, die Lieder dunkel wie die Nacht.

Die Sängerin schrieb endlich ihre eigenen Songs. Sie trugen Titel wie „Nibelungen“ und „Das Lied vom einsamen Mädchen“. Ihr Velvet-Underground-Antipode John Cale, mit dem sie übrigens noch in ihrem letzten Jahr auf der Bühne stand, nannte sie einen „Beitrag zur europäischen klassischen Musik“. In Erinnerung bleiben soll sie nun als trampelnde Rockröhre. Das hat etwas von Störung der Totenruhe.

Nico 1988, Italien/Belgien 2017. Buch und Regie: Susanna Nicchiarelli, Darsteller: Trine Dyrholm, John Gordon Sinclair, Anamaria Marinca, Sandor Funtek u.a.; 93 Min., Farbe. FSK ab 12.