Das Kino beschäftigt sich gern mit der Psychologie des Verbrechens und der Verbrecher, mit der Motivation von Gewalttätern und dem Reiz des Bösen. Für sein Hollywood-Debüt „Prisoners“ wählt der franko-kanadische Filmemacher Denis Villeneuve nun einen anderen Ansatz. An der Oberfläche ist der Film ein Krimi: Aus einer glanzlosen Vorortsiedlung in Pennsylvania verschwinden zwei kleine Mädchen; panisch und verzweifelt suchen die Dovers, besonders Vater Keller (Hugh Jackman), und die Birchs (Terrence Howard, Viola Davis) ihre Kinder. Ein Anhaltspunkt findet sich schnell – ein verdächtiges, bis zum Verschwinden der Mädchen in der Straße geparktes Wohnmobil. Detective Loki (Jake Gyllenhaal) kann dessen Fahrer Alex Jones (Paul Dano) auch rasch festnehmen, doch es fehlen jegliche Beweise. Und Jones wirkt irgendwie seltsam, verschreckt; dieser junge Mann scheint das intellektuelle Niveau eines Zehnjährigen aufzuweisen. Die Polizei muss ihn freilassen. Damit will sich Keller Dover jedoch nicht abfinden. Er entführt Alex Jones in ein abgelegenes Abbruchhaus, um den Aufenthaltsort der beiden Mädchen aus ihm herauszubekommen. Um jeden Preis.

Denis Villeneuve erhielt während der Berlinale 2001 für „Maelstrom“ den Preis der Filmkritik und 2011 für „Die Frau, die singt – Incendies“ eine Oscar-Nominierung. Der Mann ist kein Genre-Filmer; seine Inszenierung stellt Krimi-Liebhaber mit absichtsvollen Andeutungen und Details vor keine echte Herausforderung. Der Thriller bildet hier nur den Rahmen und die Fassade für reichlich verstörende Einblicke in die Innenwelt zweier sehr unterschiedlicher Männer in großer Not. Jackmans Familienvater Keller Dover ist dabei ein Opfer, das zum Täter wird. Kellers Leben basiert auf Paranoia und Vorbereitungen für ominöse Krisen; unter seinem Haus hortet er Konserven, Wasser, Waffen. Wenn seine Frau Grace (Maria Bello) dem zwanghaften Beschützer nun vorwirft, er habe doch versprochen, die Familie „sei bei ihm immer sicher“, bricht sein ganzes Selbstbild zusammen. Das Verschwinden der Tochter führt bei Keller zum völligen Kontrollverlust, mit Schlägen und kochendem Wasser traktiert er seinen Verdächtigen. Und Denis Villeneuve zeigt genug von Kellers Folter-Verhören, um dem Zuschauer bald jede Sympathie für den verzweifelten Vater zu nehmen.

Dieser Selbstjustiz stellt „Prisoners“ die Arbeit des melancholischen Detective gegenüber. Mit reduziertem Spiel, seltsamem Zucken im Gesicht und durchdringendem Blick deutet Jake Gyllenhaal in der etwas kleineren, aber fast beeindruckenderen Rolle an, dass Loki längst alles und schon viel zu viel gesehen hat. Engagiert, intuitiv und methodisch führt der Polizist seine Ermittlungen durch, aber der Fall wird immer komplizierter. Blicke und Details verfolgen den Zuschauer noch lange nach diesem Film, ebenso wie die Gewalt der Geschichte und die der Bilder des Kamera-Veteranen Roger Deakins. „Prisoners“ lässt tief in menschliche Abgründe gucken. Mit seltener Wucht skizziert Denis Villeneuve, wie weit Leute zu gehen imstande sind, deren Leben von Obsessionen und Verbrechen bestimmt werden.

PrisonersUSA 2013. Regie: Denis Villeneuve, Drehbuch: Aaron Guzikowski, Kamera: Roger Deakins, Schnitt: Joel Cox & Gary D. Roach, Musik: Jóhan Jóhansson, Darsteller: Hugh Jackman, Jake Gyllenhaal, Terrence Howard, Paul Dano, Melissa Leo, Maria Bello u. a.; 153 Minuten, Farbe. FSK ab 16.