Das Institut für Zeitgeschichte in München ist ein phänomenal bunkerartiger Bau aus den Siebzigerjahren. Bestes Art-Brut-Design. Man fragt sich, wie in einer solchen Architektur freie Gedanken entstehen können. Etwa solche über das berühmt-berüchtigte Buch „Mein Kampf“ von Adolf Hitler. Im Hauptlesesaal, einer düsteren Kiste, durch deren zeltartiges Oberlicht der weiß-blaue Himmel zu sehen ist, bis er sich langsam eingraut, wurde am Freitagmittag die erste wissenschaftlich kommentierte Ausgabe dieses Buchs vorgestellt. Es ist zugleich die erste legale deutschsprachige Ausgabe seit 1945.

Auf dem Podium sitzen vier Herren im schwarzen Anzug und eine Dame, die streng die Fragen der vielen Journalisten koordiniert, die auf knallblauen Stühlen über knallorangenem Teppichboden sitzen und nervös sind. Man ist schließlich selten Zeuge eines historischen Augenblicks.

3500 Kommentare, unzählige Literatur- und Quellenverweise – das Buch ist ein Wälzer in zwei Bänden. „Sieht gut aus im Regal“, sagte einer der Journalisten leise zum Nachbarn. Draußen, vor dem Gebäude, stehen Polizei- und Rundfunkwagen. Man hatte offenbar mit handfesten Protesten gegen die Neuauflage von „Mein Kampf“ gerechnet.

Ein Megaseller

Die an diesem Tag von Institutsdirektor Andreas Wirsching demonstrierte Überraschung angesichts des öffentlichen Interesses kann man getrost als Heuchelei verbuchen. Schließlich hatte er selbst mit diversen Interviews den Hype angeheizt, vor allem aber mit einer derart strikten Geheimhaltungspolitik, dass selbst die Harry-Potter-Strategen noch etwas lernen könnten. Kein Rezensionsexemplar wurde herausgegeben, das Buch erscheint im Eigenverlag des Instituts, die Druckerei wurde zur strikten Geheimhaltung verpflichtet. Für die Edition einer historischen Quelle ist das mehr als nur ungewöhnlich. Aber es ist eben mehr als nur ein altes, einstmals wichtiges Buch, dieses „Mein Kampf“.

Das Werk gehört zu den bekanntesten deutschsprachigen Büchern, ist immer noch mit etwa 12 Millionen Auflage zwischen 1927 und 1945 ein Megaseller. Zwar verhinderte seit 1945 in Deutschland die bayerische Staatsregierung als Erbverwalterin jeden Nachdruck. Niemals allerdings war der Handel mit antiquarischen Exemplaren, das Verschenken oder Vererben verboten. Seit dem Aufkommen des Internets bieten meist rechtsradikale Seiten vollständig gescannte Exemplare an.

Trotz der totalen Niederlage Hitlers wurde bisher noch jeder Schwarzdruck, jede Übersetzung zum Verkaufserfolg, sei es in Kroatien, Russland, Tschechien, Polen, in den arabischen Ländern, Indien, der Türkei, Großbritannien oder den USA. Zwar schritt die bayerische Staatsregierung juristisch auch im Ausland unnachgiebig gegen jede Nachauflage ein, und manchmal hatte sie damit sogar Erfolg. Doch waren die Bücher meist dann schon über den Ladentisch gegangen. Offenbar sind Hitlers Antisemitismus, seine rassistischen Lebensraumthesen und der Führerkult trotz der verquasten Sprache immer noch oder immer neu attraktiv – in Indien etwa mit seinem brutalen Darwinismus gilt das Werk als Managementlehrbuch, in arabischen Ländern als antiisraelische Kampfschrift.

Die Zeithistoriker sind sich weitgehend einig, dass sehr viel mehr Deutsche das Buch zwischen dem Erscheinen des ersten Bandes 1925 und dem Suizid Hitlers 1945 gelesen haben, als nach 1945 behauptet wurde. Seine in „Mein Kampf“ erstmals zusammengeführten Kernthesen kannte viele. Sie zeigten den radikalen Judenhass, die Idee, dass zur Sicherung des deutschen „Lebensraums“ Osteuropa erobert und unterjocht werden müsse, die Ablehnung aller demokratischen Mitbestimmung mit der Behauptung, „das Volk“ müsse von einem „Führer“ angeleitet werden, und dazu sei er, Hitler, auserkoren.

Sicher ist aber auch: Seit dem Untergang des Dritten Reichs ist der Besitz von „Mein Kampf“ in der Bundesrepublik, der DDR und Österreich ein eisern gehaltenes gesellschaftliches Tabu. Selbst in wissenschaftlichen und schon gar in öffentlichen Bibliotheken erhielt man das Buch nur gegen Ausweis und als Volljähriger ausgehändigt.

Die Werke von Lenin und Stalin, Maos kleines Rotes Buch oder sogar Kim Il Sungs Schriften mochten im Bücherregal als Ausweis liberaler Intellektualität gelten. „Mein Kampf“ aber wurde, wenn das Buch nach 1945 nicht schlichtweg verfeuert oder weggeworfen worden war, allerhöchstens im „Schwarzen Koffer“ aufgehoben, den so manche Familie auf ihrem Dachboden hat. Niemand, der nicht allgemein bekannt historischen Interessen huldigt oder erklärter Rechtsradikaler ist, kann es sich gesellschaftlich erlauben, „Mein Kampf“ offen im Regal zu zeigen.

Auch das ändert sich jetzt möglicherweise mit dieser in helles Leinen gebundenen wissenschaftlichen Ausgabe. Es ist das bei weitem anspruchsvollste Editionsprojekt des Instituts für Zeitgeschichte (IfZ), im bibliophilen Großformat, das die historischen Verlagsausgaben von „Mein Kampf“ nie hatten. Zwar wird der Seitenzusammenhang der Originalausgaben beibehalten, sodass künftig korrekte Zitierungen möglich sind. Doch werden diese Seiten regelrecht umzingelt mit Quellennachweisen, Anmerkungen zu den späteren Ausgaben, historischen Kommentaren und Einordnungen sowie einleitenden Kapiteln.

Leitgebend sind aber weiter die historischen Zwischenüberschriften Hitlers. Entsprechend bedauerlich ist, dass nicht auch das einst dem eigentlichen Text vorangestellte Stichwortverzeichnis in die kritische Ausgabe aufgenommen wurde. Dabei war es für die Popularisierung seiner Thesen sicher wichtiger als das Buch selbst und hat für so manchen Anhänger Hitlers und die vielen, die schnell Karriere machen wollten, als Zitate-Suchinstrument gedient.

An dem Projekt haben fünf Historiker und Historikerinnen des IfZ mit ihren Mitarbeitern drei Jahre gesessen. Sie zogen Fachkollegen von der Architektur- und Kunstgeschichte bis hin zur Ethnologie zu Sonderthemen hinzu und mussten so manchen politischen und emotionalen Widerstand überwinden. Noch am Donnerstag veröffentlichte der Londoner Literaturhistoriker Jeremy Adler in der Süddeutschen Zeitung einen flammenden Aufruf, dass „Mein Kampf“ niemals wieder veröffentlicht werden dürfe. Vor einem Jahr verhinderte Bayerns Ministerpräsident Horst Seehofer, dass die wissenschaftlich-kritische Edition vom Freistaat weiter finanziert wird. Das bayerische Wappen, der Löwe, dürfe nicht im Einband eines solchen Buches stehen.

Tatsächlich sind Nachauflagen von „Mein Kampf“ seit 1945 auch deswegen verhindert worden, weil das Buch vom zweiten Absatz der ersten Seite an gegen das Grundgesetz und alle nur möglichen Strafgesetze verstößt, ganz zu schweigen von der ununterbrochenen Missachtung der Würde jedes einzelnen Menschen. Diese Erkenntnis kann man schnell gewinnen. Aber wie sehr Hitler seine Anhänger belog mit der Geschichte vom armen Aufsteiger, der zum Erlöser wird, wie manipulativ er mit Zahlen umging und wie tief verankert seine Thesen in den Ideologien der deutschen und österreichischen völkischen Bewegungen der Kaiserzeit waren, das wird hier trotz der fast 1900 Seiten doch in überaus konzentrierter Form deutlich. Schon das erste Blättern enthüllt diese Ausgabe als ein Kompendium des in vielen Jahren erforschten Wissens über Hitler und seinen Aufstieg.

Der Historiker Ian Kershaw lobte die Edition entsprechend als „Meilenstein“ und „Meisterwerk“. Dennoch vermutete er bei der Buchvorstellung, dass sich der Hype um die Neuauflage schnell legen werde. Kershaw hat die bis heute beste Hitler-Biografie geschrieben und tritt seit Jahren für die Aufhebung des Druckverbots von „Mein Kampf“ ein. Es habe nur den Effekt gehabt, das Buch zum Mythos zu machen. Das heutige Deutschland sei eine gefestigte Demokratie, dieses Buch keine Gefahr mehr. Und diejenigen, die es für Neonazi-Propaganda nutzen, würden nicht die kommentierte Ausgabe zur Hand nehmen.

15 000 Exemplare bestellt

Die Proteste etwa des Jüdischen Weltkongresses oder aus Russland gegen die kommentierte Ausgabe von „Mein Kampf“ durch ein staatlich gefördertes deutsches Institut reißen nicht ab – wobei zu bedenken ist, dass keiner derjenigen, die sich derzeit zu Wort melden, diese Ausgabe schon sehen konnte. Die Bestellungen sprechen eine eigene Sprache: Schon jetzt sind 15.000 Exemplare geordert.

Das IfZ hatte nur eine Erstauflage von 4000 Exemplaren geplant. Das war reichlich naiv, weil alleine in Deutschland gut 800 Universitäten und Hochschulen existieren, die jeweils mindestens drei bis vier Exemplare benötigen, ganz zu schweigen von den etwa 9000 universitären Forschungseinrichtungen und Nationalbibliotheken weltweit.

Ein kommerzieller Verlag hätte solche Berechnungen selbstverständlich gemacht – aber das IfZ will eben kein Geschäft machen, sondern Aufklärung betreiben.

Andreas Wiersching versprach entsprechend, dass alle Bedürfnisse befriedigt werden würden – wenn auch vielleicht mit ein, zwei Wochen Verzögerung. Nach Angaben des Instituts liegen inzwischen aus Italien, Frankreich, Polen, Russland und Indien auch Übersetzungsanfragen für das Werk vor.

Der Historiker Wiersching nutzt die Buchpräsentation an diesem Freitag in München schließlich auch ein wenig zur Selbstverteidigung. Er sagt, die Entscheidung für die Neuausgabe sei auf jeden Fall richtig gewesen. „Diese Ausgabe enttarnt die von Hitler gestreuten Falschinformationen und seine Lügen“, sagt er. Das Buch sei ein „wissenschaftlicher Dienst an der Würde der Opfer“.