Laura Marling wiederholt Traditionen nicht einfach, sondern schreibt sie fort.
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BerlinGanz fair ist es nicht, aber es muss gesagt werden: Seit Joni Mitchell erinnerte niemand so sehr an Joni Mitchell wie Laura Marling. Die 30-jährige Britin singt ein wenig dunkler, aber man hört Mitchell unverkennbar in der lässig und frei streunenden Phrasierung, den Sprüngen in die Stimmhöhen, den überraschenden harmonischen Seitenwegen.

Unfair ist der Verweis, weil die Britin, die mit ihrem ersten Album, 2008 als 18-Jährige einschlug und schon länger so souverän arbeitet, dass die Lehrmeisterin (und auch gelegentlich anklingende Zeitgenossen von Dylan zu Carole King) nurmehr der groben Orientierung dienen. Auch das siebte Album „Song for Our Daughter“ baut auf der Songwriter-Generation der klassischen Ära um 1970 auf, deren Vertreter lyrisch und gestalterisch den Autorenstatus im Pop für sich eroberten.

Zu Beginn, als sie mit den harmlosen Mumford & Sons unterwegs war, hörte man die britischen Anklänge noch stärker. Doch nicht erst seit sie um 2010 ein paar Jahre in Los Angeles gelebt hat, überlagern sich die US-Einflüsse deutlich. Dass sie diese Tradition nicht einfach wiederholen, sondern selbstbewusst fortschreiben will, macht Marling hier gleich im ersten Titel „Alexandra“ klar. Es ist ein Gegenstück zu Leonard Cohens „Alexandra Leaving“ – wo Cohen das Verschwinden der ewig rätselhaften Frau betrauert – fragt sich Marling, wohin sie gegangen ist, und warum eigentlich: „What did Alexandra know?“

Das schließt ans Vorgängeralbum „Semper Femina“ an, deren Geschichten von historischen Frauenfiguren – Camille Claudel etwa oder Lou Andreas-Salomé – inspiriert wurden und gleichsam archetypisch weibliche Rollen in Kunst und Beziehungen betrachteten. Aber im Ganzen ist „Song For Our Daughter“ nicht nur in den Texten persönlicher aufs Jetzt gerichtet und, sagt sie, durchaus auch von „eigenen Traumata“ angeschoben – zum Beispiel patriarchalen „bullshit“, die MeToo-Männer, die Ratschlag gegen Körper anbieten, die sie im countryesk schmelzenden Titelsong der imaginären Tochter (und also deren Generation) ersparen möchte.

Auch die Arrangements hat sie gleichsam privater gestaltet, die gepickte akustische Gitarre oder das Klavier nur von sparsamen, aber überaus feinen Streichern und kurzen Choreinlagen akzentuiert. Sie macht sich dabei auch mal in einem lakonischen Uptempo-Geschuffel über wohlfeile politische Selbstgerechtigkeit lustig, und sie beschwert sich schwelgerisch bei einem selbstsüchtigen Geliebten; insgesamt bleibt der Ton aber intensiv verhalten, während sie kurz angebunden Beziehungen beendet („I love you, goodbye/ Now let me live my life“) oder bittere Erfahrungen weitergibt: „The hardest thing to learn/ is what you get from what you lose“.

Sie hat ihren Ansatz einmal „optimistischen Realismus“ genannt. Das erklärt – neben den einprägsamen Melodien und den effektvollen Arrangements – treffend ihren Appeal. Die Verhältnisse zu durchschauen, hindert sie nicht daran, deren Komplexität und die Komplizität zu erkennen. Es sind indes die beinah aphoristische Präzision, mit der sie dabei arbeitet und die Eleganz der Kompositionen, die sie aus dem Genre hervorheben. Das Besondere an Marlings Musik liegt nicht in der souverän weiblichen Perspektive, sondern in der Souveränität der Kunst: Sie ist schlicht eine der besten Songschreiberinnen unserer Zeit.