Die Künstlerin Hito Steyerl.
Foto: dpa/ Stephanie Pilick

BerlinVideokunst hat es gern dunkel. Sie hätte es auch schwer, ihre Inhalte gegen Tageslicht und helle Wände zu entfalten. Daher sind die Räume des n.b.k., des eigentlich lichtdurchfluteten Neuen Berliner Kunstvereins, innen schwarz und die Schaufenster mit Folie abgeklebt. Ausgestanzt ist allein das Wort „Belanciege“ und als fortlaufendes Muster durch das Licht von außen lesbar.

Das Wort klingt bekannt und erinnert an das Luxuslabel Balenciaga. Es ist ein lakonisches Wortspiel, das die Medienkünstlerin, Sprach-, Wort- und Bildschöpferin Hito Steyerl ihrer Videoinstallation im n.b.k. zugrunde gelegt hat. Das Zentrum bildet eine Art Agora, eine kreisrunde Versammlungsstätte mit Stufensitzen. Ist es ein antikes Theater, ein Laufsteg für Modenschauen oder einfach ein Treffpunkt?

Ein weiterer Coup

Das Stück, das dort zum Verweilen und Nachdenken einlädt, läuft auf drei hochformatigen Bildschirmen und heißt „Mission Accomplished: Belanciege“. Es ist ein weiterer Coup der Künstlerin, mit dem sie in so aktuelle wie sensible gesellschaftliche Bereiche vordringt. Entwickelt hat sie die Arbeit mit dem georgischen Künstler Giorgi Gago Gagoshidze und dem Bosnier Miloš Trakilovi in Form einer ihrer berühmten Lectures. Sie reflektieren darin über einen enthemmten Kapitalismus, der sich 30 Jahre nach dem Mauerfall und dem Zerfall der Sowjetunion in osteuropäischen Republiken Bahn gebrochen hat.

Sie erkunden eine Zeit „der politischen und kulturellen Veränderungen, in der Neoliberalismus und Populismus sich gegenseitig bedingen“, erklärt der Kurator Marius Babias. Es gehe um ein Oligarchentum, das sich längst auch im Westen breitgemacht hat. Man sieht Live-Mitschnitte der berüchtigten Demonstration von Chemnitz im Gegenschuss mit Models, die Luxusmode präsentieren, sich als Street-Models allerdings plötzlich verformen zu schmelzenden Figuren.

Das Video wirft ein Schlaglicht auf das Phänomen der Kopien von Labels, mit denen Milliardenumsätze gemacht werden. Und man sieht den ausgeflippt tanzenden Boris Jelzin, einst russischer Präsident. Was für ein Sittenbild! Komplex ist es zwischen Fiktion und „Faktizität“ im sprachlichen Duktus eines polyphonen Chorstücks komponiert.

Im 50. Gründungsjahr des n.b.k. widmet der Kunstverein Hito Steyerl nun also erneut eine Einzelausstellung. Vor zehn Jahren zeigte man hier als erste deutsche Einrichtung überhaupt ihre  Experimentalfilme. Seitdem hat die Wahlberlinerin und UdK-Professorin eine beachtliche Karriere hingelegt. 1966 in München geboren, hat sie in Tokio Dokumentarfilm studiert und wurde später in Wien im Fach Philosophie promoviert. Sie stellte in den wichtigsten Museen der Welt ebenso aus wie auf der Documenta in Kassel und auf der Biennale in Venedig. Hito Steyerl, die von der Berliner Galerie Esther Schipper vertreten wird, wurde 2017 vom Fachmagazin ArtRevue zur „einflussreichsten Künstlerin“ gekürt,2019 erhielt sie den Käthe-Kollwitz-Preis von der Akademie der Künste.

„Dies ist keine Pflanze“ , scheint Hito Steyerl fragen zu wollen.
Foto: NBK

Superlative und Ehrungen dieser Art berühren sie allerdings wenig. Im Gegensatz zum Titel ihrer Arbeit „Mission accomplished“ hat sie ihre Mission noch lange nicht erfüllt. Sie erkundet und reflektiert immer weiter die Befindlichkeiten unserer Gesellschaft und durchdringt sie zugleich bildhaft, sprachlich und theoretisch.

Neue Technologien scheinen sie dabei nicht minder zu beflügeln wie einst den Erfinder und Künstler Leonardo da Vinci. So nutzt Hito Steyerl eigens geschaffene Softwareplattformen, mit denen sie neuronale Netzwerke selbst trainieren und beeinflussen kann. Sie dienen dabei nicht allein als technisches Werkzeug, sondern halten unserem digitalen Lebenswandel in einer Welt von Konsum und Globalisierung kritisch fragend einen Spiegel vor. Auch in ihren Essays bewegt Hito Steyerl sich in den sich ändernden Transitzonen von Gegenwart und Zukunft und beschäftigt sich mit dem, was Bild ist und was dessen Repräsentation.

Im Gegensatz zu der Art, wie der Künstler Refik Anadol die Formen künstlicher Intelligenz fast rauschhaft anwendet, bleibt Hito Steyerl stets kritisch auf Distanz, ja betrachtet KI und „lernende Maschinen“ gar als dumm. So entwarf sie anlässlich der Münsteraner Ausstellung Skulpturen Projekte 2017 humanoide Roboter, die ständig stolperten und hinfielen. Steyerl gilt als politische Künstlerin, aber ihre Videoarbeiten gehen über den Zeitgeist hinaus, wie „This is the Future“ in der n.b.k. Herrlich bunten Pflanzen wird darin Macht verliehen, während aus Licht geschriebene Sprüche frei im dunklen Raum schweben – auf Deutsch, Türkisch, Russisch und Arabisch. Man staune: Das sind die vier am häufigsten gesprochenen Sprachen in Berlin. „Vorsicht, Fiktion!“, steht da. „Diese Pflanzen existieren derzeit nicht, sondern werden von KI vorhergesagt ...“.

Zukunftsmusik ist das tatsächlich nicht, stattdessen wachsen, wuchern und verschwinden diese Blumen, die Nobelscheuche oder Bombenkraut heißen, gelb, pink, grün, lila auf den stelenartigen Screens und ziehen verführerisch, toxisch, warnend in eine Zukunft im Jahr 2045.

Mit Tablet und App

Die Schwebesätze sind räumliche Erweiterungen, Augmented Reality, jener Arbeit, die Steyerl für die soeben beendete Biennale von Venedig entwickelt hat. Dafür braucht man ein Tablet und die App „PowerPflanzen“, denn noch ist das Immaterielle nicht ohne Materie, sprich Hardware, realisierbar. Der künstlerischen Faszination tut das keinen Abbruch. Die Lichtschriften und Bilder schärfen aus der Dunkelheit allemal den Blick in eine Vielleicht-Zukunft.

Hito Steyerl: „Mission Accomplished: Belanciege“ Neuer Berliner Kunstverein, Chausseestraße 128/129, Di – So 12–18 Uhr, Do 12–20 Uhr, bis 26. Januar 2020