Eine melancholische Gebetsmelodie begrüßt Besucher der neuen Holocaust-Ausstellung in der Gedenkstätte Auschwitz - und eine Botschaft von Nobelpreisträger Elie Wiesel: „Besucher, öffne dein Herz. Und deinen Geist. Und Deine Seele. Höre die Stimmen der Opfer, berühre die Namen der Ermordeten.“

Wiesel, selbst ein Holocaust-Überlebender, hat den Text extra für die von Experten des Museums Jad Waschem neu gestaltete Ausstellung geschrieben. Sie richtet sich vor allem an jene Besucher, für die die Schrecken des Zweiten Weltkriegs mittlerweile nur etwas aus der Lektüre von Geschichtsbüchern sind.

Sechs Millionen Einzelschicksale

„Diese Ausstellung sollte uns Antworten geben auf fundamentale Fragen“, wünscht Rabbi Meir Lau, der als Jugendlicher in Buchenwald in der gleichen Häftlingsbaracke war wie Wiesel, bei der Eröffnung am Donnerstag. Für Ausstellungskurator Avner Shalev war es wichtig, immer wieder die Opfer zu Wort kommen zu lassen, mit Bildern, Filmen, Tonbandaufnahmen daran zu erinnern, dass die schier unvorstellbare Zahl von sechs Millionen ermordeten Juden ein Mosaik vieler Einzelschicksale ist.

Und so ist ein Raum der neuen Ausstellung dem jüdischen Leben der Vorkriegszeit gewidmet - eine niederländische Familie im Urlaub an der Nordseeküste. Ein Sedermahl am Vorabend des Passah-Festes in Tschechien. Ein Markttag in einem polnischen Schtetl, Fotos aus Familienalben, die die Vielfalt des europäischen Judentums widerspiegeln.

Verstörendes Zusammenspiel

In einem anderen Ausstellungsraum geht es um die Ideologie des Hasses. In einer Endlosschleife schreien Hitler, Goebbels und andere nationalsozialistische Politiker ihre antisemitischen Hassparolen, während fanatisierte Massen Beifall klatschen. Die „Heil dem Führer“-Rufe klingen in einer Baracke des früheren deutschen Konzentrationslagers nur noch verstörender.

„Wir wollten zeigen - es fängt mit Hass und Ideologie an“, sagt Shalev. „Am Ende standen nicht nur die sechs Millionen Opfer des Holocausts, sondern die mehr als 50 Millionen Opfer des Krieges insgesamt.“

Bei der Eröffnungsfeier mit dem israelischen Regierungschef Benjamin Netanjahu sind die Reihen der Überlebenden dünn geworden. Viele der wenigen, die trotz ihres hohen Alters nach Auschwitz gekommen sind, stützen sich mühsam auf einen Stock oder einen Begleiter. Jeder der Anwesenden weiß: In fünf oder zehn Jahren kann vielleicht keiner von ihnen mehr selbst an das Geschehene erinnern.

Identitäten zurückgeben

Was bleiben soll, sind die Namen der Toten. Mehr als vier Millionen Namen haben die Forscher von Jad Waschem in mühevoller Kleinarbeit zusammengetragen. Das Ergebnis ist ein monumentaler Buchband mit 14 Meter Umfang. In 58 Bänden sind auf jeweils 140 Seiten 500 Namen niedergeschrieben. In Auschwitz, dem Ort, der für so viele den Tod bedeutete, sollen die Identitäten der Toten der Nachwelt zurück gegeben werden.

Wie wichtig das auch für die Opfer selbst ist, betont Rabbi Lau, als er von einem der letzten Briefe eines in Auschwitz ermordeten Häftlings erzählt: „David Burg schrieb, dass er nicht vergessen werden will. Wir haben seinen Wunsch erfüllt - sein Name steht im Buch der Namen.“ (dpa)