Sie galten lange als Traumpaar: Robert Wagner und Natalie Wood.
Foto: Imago Images

New YorkDie Dokumentation beginnt mit bedeutungsschweren Geigenklängen und einem Schwenk über den wogenden Pazifischen Ozean. „Natalie Wood: What Remains Behind“ heißt der Film, in dem als nächstes die Stimme von Natasha Gregson Wagner zu hören ist. Die älteste Tochter von Natalie Wood erinnert sich an jenen Tag vor 39 Jahren, an dem ihre Mutter starb.

Das mysteriöse Tod der Filmschauspielerin Natalie Wood bei einem Bootsausflug vor Südkalifornien, er war bereits Gegenstand vieler Spekulationen – und Woods Lebensgeschichte bot Filmen, Büchern und Dokumentationen Stoff. Selbst Quentin Tarantino spielte in einem seiner Filme auf Woods Todesumstände an. Jetzt gibt es neue Nahrung, neue Einblicke: Die US-Dokumentation mit den einleitenden Geigenklängen wird in Deutschland auf Sky Ticket gestreamt.

Zumindest was das dramatische Intro angeht, werden die Erwartungen des Zuschauers erfüllt. Jetzt endlich, nach beinahe 40 Jahren voller Gerüchte und Spekulationen, so darf man hoffen, wird das Geheimnis gelüftet, wie einer der glanzvollsten Hollywood-Stars dieser Zeit auf der Insel Santa Catalina ums Leben gekommen ist. Oder es wird zumindest Enthüllungen geben, die ein neues Licht auf die Nacht des 28. November 1981 werfen.

Doch dann wechselt die Doku ganz plötzlich das Thema. Gregson Wagner, die den Film produziert und dazu ein Buch geschrieben hat, kündigt das zwar gleich zu Beginn an: „Man hat sich so sehr darauf konzentriert, wie sie gestorben ist, dass in Vergessenheit geriet, wie sie gelebt hat“, sagt sie. Doch hinter den aufwühlenden Archivaufnahmen ihres Stiefvaters von jener Nacht geht die Bitte, sich doch ausnahmsweise einmal auf Woods Leben zu konzentrieren, völlig unter.

Natalie Wood mit ihrer Tochter Natasha Gregson Wagner in Hawaii im Jahr 1978.
Der Fall Wood

Glamour: In den 50ern und 60ern galten Natalie Wood und Robert Wagner („Hart aber herzlich“) als Traumpaar. Sie waren von 1957 bis 1962 verheiratet und heirateten 1972 erneut. Die gemeinsame Tochter heißt Courtney Wagner. Natasha Gregson Wagner stammt aus der Ehe Woods mit Produzent Richard Gregson.
Tödliche Bootstour: Im November 1981 unternahmen Wood, Wagner und der Schauspieler Christopher Walken einen Bootsausflug vor der Küste Kaliforniens. Wood verschwand in dieser Nacht, ihre Leiche wurde am darauffolgenden Tag im Wasser treibend gefunden. Die Umstände ihres Todes sind bis heute ungeklärt.
Ermittlungen: Der Gerichtsmediziner stufte den Fall als Unfalltod durch Ertrinken und Unterkühlung ein. 2013 wurde der Fall erneut bewertet, der Tod wurde nun auf „unbestimmte Ursachen“ zurückgeführt. Wagner schrieb in seiner Biografie, dass es vor Woods Tod Streit gegeben habe, ihr Tod jedoch ein Unfall gewesen sei.

Und so braucht man beim Betrachten des Films einen Moment, um sich auf das einzulassen, was gezeigt wird. Eine gute Stunde lang beschäftigen sich Gregson Wagner und der Regisseur, Laurent Bouzereau, mit dem Leben und der Karriere von Natalie Wood. Das ist freilich überaus spannend und sehenswert. Man blickt zurück, wie Natalie Wood, die Tochter armer russischer Einwanderer, als Kinderstar in den 40er-Jahren bereits ihre Familie ernähren musste. Wenn sie diese oder jene Rolle nicht bekäme, das wurde ihr schon im Grundschulalter eingebläut, dann könne man ihrer Schwester nichts zum Anziehen kaufen.

Es folgt ihr kometenhafter Aufstieg in Hollywood, wo sie 1955, mit 16 Jahren, an der Seite von James Dean in dem Kultklassiker „… denn sie wissen nicht, was sie tun“ den Durchbruch schafft. Bevor sie volljährig ist, wird sie für einen Oscar nominiert und spielt mit Orson Welles und John Wayne. Es ist der Beginn einer Traumkarriere, der später, als Erwachsene, Hits wie „West Side Story“ und „Splendor on the Grass“ an der Seite von Warren Beatty folgen. Wood schafft es in Hollywood für eine Zeit lang ganz nach oben.

Natalie Wood 1962 in Cannes.
Foto: AP/Bob Dear

Gleichzeitig versucht sie, mit Robert Wagner, den sie mit 18 Jahren heiratet, ein Familienleben aufzubauen. Ein Vorhaben, das nicht nur durch ihre Karriere erschwert wird, sondern auch durch eine angebliche Affäre mit Warren Beatty.

Es wird das Bild einer extrem talentierten Powerfrau gezeichnet, die in den gesellschaftlichen Zwängen ihrer Zeit gefangen ist. Das äußert sich nicht zuletzt in den nur kurz angeschnittenen Gerüchten über Zudringlichkeiten durch Regisseur Nicholas Ray und einen Filmstar, dessen Name nicht näher genannt wird. MeToo war noch Jahrzehnte entfernt und das Weinstein-Prinzip voll inkraft.

Als Zeitzeugen bietet Gregson Wagner Superstars wie Robert Redford, Mia Farrow und Elliott Gould auf, die sich voller Nostalgie an Woods Ausstrahlung und ihre positive Energie erinnern. Insbesondere an das Haus der Familie Wagner-Wood in Beverly Hills, das nach der erneuten Heirat der beiden das Heim einer großen Patchwork-Familie war, denkt man gerne zurück. Es war das Zentrum des gesellschaftlichen Lebens von Hollywood, es gab Soirees, bei denen Fred Astaire sang, Sean Connery, Laurence Olivier und Gregory Peck gingen ein und aus und alle waren so fröhlich und entspannt.

In der letzten halben Stunde des Films kommt Gregson Wagner schließlich doch noch auf die Nacht zu sprechen, in der ihre Mutter starb. Dazu setzt sie sich mit ihrem mittlerweile 90 Jahren alten Stiefvater Robert Wagner zusammen, der Natalie Wood als Letzter lebend gesehen hat.

Die Filmemacher: Woods Tochter Natasha Gregson Wagner und Regisseur Laurent Bouzereau.
Foto: AP

Wood ertrank 60 Kilometer vor Los Angeles. Mit dabei waren Wagner und Woods damaliger Filmpartner Christopher Walken. Es wurde in jener Nacht viel getrunken, es gab Streit, und irgendwann schwamm Natalie Woods Leiche im Meer.

Wagner beharrt darauf, dass Wood, nachdem alle eingeschlafen waren, das Boot noch einmal festzurren wollte, dabei gestürzt sein muss, sich den Kopf stieß und ins Wasser stürzte. Und dabei lässt Gregson Wagner, die ihn offenkundig anbetet, die Dinge auch bewenden. Der Film möchte die Spekulationen nicht weiter befeuern, sondern sie beenden. Wagner und seine Stieftochter beklagen, dass die Behörden Wagner zur „Person von Interesse“ erklärten, als sie den Fall 2018 neu aufrollten.

Natalie Woods Schwester Lana, die seit Jahrzehnten fest an Mord glaubt, wird als hysterisch dargestellt. „Die glaubt doch selbst nicht, was sie sagt“, sagt Gregson Wagners jüngere Schwester Courtney – und liefert damit einen tiefen Einblick in die Familienverhältnisse.

Natürlich wird dieses Werk nicht, wie die Produzentin das gerne hätte, die Gerüchte beenden und Robert Wagner oder Christopher Walken entlasten. Im Gegenteil, Wagners Schwierigkeiten, mit der deutlich erfolgreicheren Karriere seiner Frau und mit ihren ambivalenten Beziehungen zu prominenten Kollegen umzugehen, sind deutlich spürbar.

Als Würdigung einer großen Hollywood-Ikone und ihrer Ära ist die Dokumentation jedoch unbedingt trotzdem sehenswert.