Vorweg ein kleiner Service für diejenigen, die im Berliner Theaterstreit vielleicht nicht mehr voll durchsehen und dennoch eine Position einnehmen möchten: Die einzig vernünftige und vertretbare Haltung besteht darin, die öffentliche Debatte um die Zukunft der Volksbühne zu begrüßen. Dabei ist alles erlaubt, nur keine Eile.

Frank Castorf ist zu danken, weil er das eigentlich unführbare Haus weiter zu führen bereit ist, bis die frisch postierten Berliner Kulturpolitiker Expertisen und Erfahrungen gesammelt haben, um die Debatte in eine Entscheidung münden zu lassen. Diese aber haben dem Intendanten eine Vertragsverlängerung von lediglich einem Jahr bis 2017 gewährt, also Tatsachen geschaffen, bevor sie überhaupt wissen konnten, worum es geht und was auf dem Spiel steht. Um solche Handlungsweise abzulehnen, bedarf es keiner inhaltlichen Details, und es kann einem auch nicht passieren, dass man ungewollt auf der anderen Seite irgendwelcher ideologischen Gräben landet.

Nun zur Debatte selbst, die an diesem Montag mit einem offenen Brief der drei Theaterintendanten Joachim Lux (Thalia Theater Hamburg), Ulrich Khuon (Deutsches Theater Berlin) und Martin Kusej (Bayrisches Staatsschauspiel München) an den Berliner Kulturstaatssekretär Tim Renner als „derzeit verantwortlichem Politiker“ einen vorläufigen Höhepunkt erreicht hat.

Es ist ein höflicher, aber deutlicher Brief, der die bisher durchgesickerten Bestrebungen Renners zusammenfasst und benennt. Der Volksbühne die bisherige Zweckbestimmung zu entziehen und ein Produktionshaus aus ihr zu machen, sei gleichbedeutend mit deren Abwicklung als Ensemble-, Literatur- und Repertoiretheater. Es wird mit der großen Schillertheater-Glocke Alarm geschlagen.

Dass die Debatte überhaupt in der Öffentlichkeit angekommen ist, haben wir aber unbedingt Claus Peymann zu danken, der bereits Anfang April einen Alarmbrief schrieb. Das inhaltlich weitgehend irrelevante Schreiben kam zum rechten Augenblick, berührte einen empfindlichen Punkt, enthielt ein paar saftige Vokabeln und beleidigte Renner als „Fehlbesetzung des Jahrzehnts“.

Der völlig überforderte Mann lasse kein Fettnäpfchen aus und wolle aus der „einst so ruhmreichen Volksbühne den soundsovielten Event-Schuppen der Stadt“ machen. So etwas schwimmt eine Weile oben im Medienstrom. Dass Peymann sich für das konkurrierende Haus ins Zeug legt, liegt daran, dass er sich zum Leidensgenossen Castorfs aufschwingen will. Denn wie Castorf darf auch Peymann in Berlin nach 2017 nicht weiter machen.

Wie schwer Peymann diese Verteidigung fällt, kann man an dem „einst so“ vor „ruhmreichen“ sehen, worüber sich vermutlich der Intendanten-Kollege Frank Castorf und seine Fans ärgern sollten. Denn ruhmreich ist die Volksbühne ja wohl noch immer!

Es folgten wenig aussagekräftige Entgegnungen von Renner, in denen von Öffnung und Zukunft und Labor für Europa die Rede ist. Kulturpessimisten und Traditionsverächter feuerten ihre Argumente ab. Debattentrittbrettfahrer wie Thomas Ostermeier sprangen auf und versuchten auf die Tagesordnung von Politik und Medien zu gelangen. Namen wurden durchgesteckt, zum Beispiel der von Chris Dercon, dem Londoner Tate-Gallery-Direktor. Ein „lustiger Mensch“ mit „dickem Telefonbuch“, wie Matthias Lilienthal bemerkte.

Lilienthal, der einstige Castorf-Dramaturg, spätere HAU-Gründer und designierte Intendant der Münchner Kammerspiele, steht im Verdacht, Renner beraten zu haben, zumindest vermag er doch am besten zu beschreiben, was Renner mit seinen unbeholfenen Formulierungen meinen könnte. Und auf einmal klingen ein paar Argumente ganz plausibel. Warum nicht ensuite spielen und Umbau-Zeit, also Geld, sparen? Warum nicht die Bühne für internationale Produktionen, für die freie Szene und andere Sparten hergeben und gucken, was passiert?

Nicht zuletzt Lilienthal selbst, der das Kuratorenprinzip in den Theaterbetrieb einführte, würde Nutzen daraus ziehen. Denn wenn er nun zum ersten Mal ein Ensemble-Theater leitet ? das heißt in seinem Fall: für spartenübergreifende internationale Projekte mit der freien Szene öffnen will ? hätte er in Berlin schon mal einen solventen Kooperationspartner. Selbst einem Lilienthal wird die Muffe sausen, wenn er nun ein Ensemble zusammenzustellen und zu führen hat, das sich auf solche Experimente einlässt. Wieso müssen wir in Berlin dasselbe Risiko eingehen, wenn wir bei dem Versuch auch erst ein wenig zugucken könnten?

Die hektisch eingeworfenen Bekundungen von Renner, dass er das Ensemble der Volksbühne erhalten und ihren Etat aufstocken will, könnten sich leider als substanzlos erweisen. Denn das derzeit spielende Volksbühnen-Ensemble besteht nicht aus den elf festen Schauspielerstellen des Haus.

Zerstörung als künstlerische Praxis

Es ist ein mit evolutionärer Geduld herausgebildeter Zusammenschluss von Künstlern, die Castorf in die höheren Sphären der Schauspielkunst gepeitscht hat, so dass sie zwar auf allen Bühnen und vor den Kameras auftreten, aber dennoch ein mit der Volksbühne identifiziertes Künstlerkollektiv bilden. Dieses Kollektiv wird 2017 zerschlagen, egal ob die elf Stellen erhalten bleiben, die gerade mal dafür ausreichen, im Foyer den Rahmen für irgendwelche internationalen Crossover-Kunstspektakel zu gestalten.

Die Volksbühne ist ein besonderes Haus, das in den letzten Jahrzehnten eine besondere Form der Kunst hervorgebracht hat und diese mit jeder Produktion selbst hinterfragt. Es gibt internationale Konzerte, politische Veranstaltungen, es werden alle möglichen Sparten gemischt, alle möglichen medialen Kanäle bedient, es gibt zum Beispiel im Internet Theaterverfilmungen, die Renners Live-Streaming-Forderung locker übertreffen. Nicht zu vergessen ist die Ausstattung des Hauses, geleitet seit Anbeginn der Castorf-Ära von Bert Neumann, der nicht weniger zur Identität der Volksbühne und Berlins beiträgt.

Die derzeitige Volksbühne hat die kühnsten Vorschwebungen von Tim Renner schon längst in konkrete Fantasien verwandelt und spielend verwirklicht, verworfen oder überboten. Selbst die Zerstörung ist hier längst künstlerische Praxis. Nicht einmal hierbei ist also Hilfe nötig. Das Danach kommt früh genug.