Martin (Steve Windolf), Katja (Anna Schäfer), William (Levis Kachel), Lisa (Inez B. David), Eddie (Fillin Mayer) und Patrick (Lucas Prisor, v.l.)
Foto: Oliver Vaccaro

BerlinAha – eine Patchworkfamilie!, registriert die Frau in der Anmeldung im Krankenhaus, als jeweils zwei aufgeregte Mütter und Väter mit zwei verletzten Zehnjährigen aufkreuzen. „Nein, wir sind eine Bonusfamilie!“, entgegnen die beiden Mütter – die eine voller Hoffnung, die andere eher spöttisch. Zuvor hatte das frisch zusammengezogene Paar Lisa (Inez Björg David) und Patrick (Lucas Prisor) versucht, mit einer gemeinsamen Geburtstagsfeier für ihre Söhne auch ihre Ex-Partner einzubinden, also Martin (Steve Windolf) als Vater von Eddie und Katja (Anna Schäfer) als Mutter von William. Doch die krampfhafte Party endete im Chaos: Die beiden kabbelnden Zehnjährigen zerrten sich gegenseitig vom Dach und stürzten ab.   

Sowohl der titelstiftende Begriff „Bonusfamilie“ als auch das Vorbild stammen aus Schweden: So heißt eine auf Netflix erfolgreich laufende Serie, die in der deutschen Fassung übrigens „Patchwork-Familie“ heißt. Die deutsche Adaption, die aus zehn Folgen sechs Folgen macht, hält sich recht dicht am Original, verhandelt viele Konflikte aber weniger vor einem Therapeuten, sondern stärker untereinander. Dabei ist das Thema Patchwork-Familie im deutschen Fernsehen durchaus präsent. So hat die ARD mit „Eltern mit Hindernissen“ den dritten Teil einer Komödien-Reihe mit Nicolette Krebitz und Hary Prinz abgedreht.

„Neu in unserer Familie“ hieß vor zwei Jahren ein wirklich amüsanter ARD-Zweiteiler mit Maja Schöne und Benno Fürmann als Paar, das offen war für neue Partner und alle unter einem Dach vereinte. Eine echte Wiederbelebung der Familienserie schließlich gelang kürzlich Vox mit „Das Wichtigste im Leben“. Hier machte ein Paar (Bettina Lamprecht und Jürgen Vogel) keinen Unterschied zwischen adoptierten und selbst gezeugten Nachkommen. Doch worin besteht nun der Bonus der „Bonusfamilie“ für die Zuschauer?

Mischung aus Drama und Komödie

Als Mischung aus Drama und Komödie preisen die Macherinnen wie Regisseurin Isabel Braak ihre Serie an. Doch zunächst werden vor allem die Verkrampfungen und Konflikte immer wieder ausgestellt. Betont gegensätzlich wirken die beiden Jungen: William(Levis Kachel), Sohn von Katja und Patrick, ist ein typischer altkluger Streber, der sich ein Buch auf Englisch wünscht. Eddie dagegen(Fillin Mayer), Sohn von Lisa und Martin, ist frech und hätte gern ein Ballerspiel. Ebenso überdeutlich werden die beiden Eltern gezeichnet, die ihre Kinder zwischendurch übernehmen. Katja ist eine dauerarbeitende Architektin, die wenig Zeit hat für William. Martin ein antriebsloser Bettenverkäufer, der im Haus seiner Mutter wenig Platz hat für Eddie und dessen große Schwester.

"Entschuldigung, es tut mir leid!"

Lisa und Patrick dagegen haben zwar Zeit und Platz, bekommen aber nun noch ein gemeinsames Kind – was alle anderen entsetzt. Schon prophylaktisch gehen sie zur Paartherapie. Richtig dramatisch ist das alles nicht – der Dachsturz in Folge eins bleibt das größte Drama. Aber trotzdem wirkt die „Bonusfamilie“ nicht so natürlich und alltäglich wie die Vox-Familie. Für eine echte Komödie wiederum fehlen echte Überraschungen. Stattdessen werden immer wieder ähnliche Situationen ausgespielt: So finden weder Lisa und Patrick noch Martin und Katja mit ihren jeweils neuen Partnern ein stilles Örtchen für Sex – immer stört einer. Zur wichtigsten Dialogzeile der sechs Folgen aber wird der Satz „Entschuldigung – es tut mir leid!“

Irgendwann ist man versucht, eine Strichliste zu führen – so wie William, der die immer gleichen Ausreden seiner Mutter statistisch erfasst.   Der eigentliche Mehrwert der „Bonusfamilie“ ist die Empathie mit der hier alle Figuren behandelt werden. Keiner wird gegen den anderen ausgespielt, jeder Zuschauer kann  sich in einem der beteiligten Charaktere wiederfinden. Und was anfangs allzu anstrengend wirkte, wird in den entspannteren letzten beiden Folgen schließlich doch noch ganz anregend.

Foto: Oliver Vaccaro
Bonusfamilie

Drei Doppelfolgen  à 90 Minuten, jeweils mittwochs,  20.15 Uhr,  ARD