Bei Agnieszka Lessmann liegt am Dünengras die Erde in Kummer. 
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Gedichte erzeugen innere und unteilbare Bilder. Sie anderen zu erzählen, ist eigentlich zum Scheitern verurteilt. Denn Vermittlung bedeutet eben immer auch Veränderung bzw. Reduktion. Dass sie jedoch im Rahmen eines anderen Mediums auch positive Effekte haben kann, lässt sich an dem Projekt „poetry/film“ beobachten: Versammelt sind in dem Band poetische Entwürfe von Gegenwartsdichtern, zu denen wiederum Regisseure Kurzfilme gedreht haben (Link und Kennwort im Buch). Wie virtuos sich Schrift und Bewegtbild ergänzen, zeigt beispielsweise Simone Scharberts Poem „Frequenz“ in der Realisierung von Semih Korhan Güners Film „Leuchtkörper“. Verhandelt der Text den Wunsch, inmitten der Monotonie des Alltags selbst Quelle eines inneren Leuchtens zu werden, wird diese Vorstellung in der Adaption durch eine im See schwimmende, schwangere Frau verkörpert. Das in ihr heranwachsende Kind entpuppt sich als Metapher für das lebensspendende Licht der Welt. Der Euphorie, die sich auf Seiten des Lesers und Zuschauers einstellt, sind angesichts vieler solcher Wechselwirkungen keine Grenzen gesetzt. Man will verweilen in diesem faszinierenden Immersionsraum, der eine Zuschreibung klar für sich beanspruchen kann, nämlich ein Gesamtkunstwerk zu sein.

poetry/film. Gedichte – Filme – Resonanzen.
Hrsg. v. Andreas Altenhoff und Sonja Hofmann. Lilienfeld, Düsseldorf 2020.
124 S., 16 Euro.

Die Erde in Kummer

Die Lyrikerin Agnieszka Lessmann vermag sowohl den kurzen Augenblicks als auch die große Geste einzufangen. Mal treibt der Wind ein Blatt durch Luft, mal liegt am „Dünengras / die Erde in Kummer“. Während man in ihrem Gedichtband „Fluchtzustand“ zumindest an der See auf eine andächtige Ruhe trifft, ist die übrige Welt des lyrischen Ich längst ins Chaos gefallen. Die Rede ist von den wie ein Erdbeben die poetische Tektonik erschütternden Kriegen im Nahen Osten und den damit verbundenen Flüchtlingsbewegungen. Um die Bigotterie der europäischen Asylpolitik zu verdeutlichen, spart die Autorin nicht an zynischen Zuspitzungen. So findet sich in dem Gedicht „Formular 2016“ unter dem Schlagwort „ausweisnummer.ort“ sogleich die Spezifizierung „mittelmeeresgrund“ – kaum ein anderes Bild könnte die Empörung über die ertrunkenen Hilfesuchenden im Ozean treffender auf den Punkt bringen. Mithin geht ein tiefer Riss durch Welt und Sprache. Jäh werden in den Poemen Lessmanns immer wieder Sätze durch unvorhersehbare Einschüben unterbrochen – ganz so, als würden Bomben in die Verse stürzen. Was alle Gedichte, ob die politischen oder jene über die Küstenlandschaft, eint, ist der Blick des Beobachters, der uns vereinnahmt, beseelt oder bisweilen tief schockiert.

Agnieszka Lessmann: Fluchtzustand.
Elif, Nettetal 2020. 100 S., 18 Euro.