Es ist eine Lyrik der Befreiung, von Wörtern und Wendungen, die nur das Sichtbare und Alltägliche umfasst. Was Kathrin Schmidts neuer Band anstrebt, ist eine Sprache, die eine ganz eigene Gesetzlichkeit verfolgt. Je mehr Verse wie „sein leibchen schürzte sich konisch / zum nabelpunkt“ abstrakte Bilder entwerfen, desto eher ist das Imaginationsvermögen der Leser herausgefordert. Wir werden einer durch und durch verspielten Dichtung gewahr, immer ganz nah an der Grenze der Vorstellbarkeit. Obgleich nicht wenige Texte etwas zu selbstzirkulär geraten sind und sich gegenüber den Rezipienten und Rezipientinnen verschließen, verhandeln sie mithin sowohl die existenziellen Anliegen Alter und Tod als auch politische Fragen. Im Zeichen der dekadenten „wohlstandsfolie“ breiten sich „blasse maden“ im Mark der Konsumgesellschaft aus. Und den Landstrich, wo das Grundgesetz seine volle Gültigkeit genießt, gilt es in dem provokativen Poem „gelten, gebieten“ erst noch zu finden.

Mag Schmidts Schreiben die Liebe für Komposita à la „larifarisyndrom“ oder „globalentzündung“ kennzeichnen, so bemühen sich Richard Pietraß’ „Coronaden“ um strenge Reduktion. Schon der Titel verrät, dass der Haiku-Band sich die Vermessung der Gegenwart zur Aufgabe erklärt. Unter der Pandemie befindet sich die „Stadt […] im Schnürleib des Todes“, derweil „tschilpt“ im „Gebüsch […] Ein Bällchen Hoffnung“. Mit lediglich 15 Seiten geht dem Dichter zwar rasch der Atem aus, ein konzentriertes Vademecum für einsame Spaziergänge im Shutdown bietet es aber allemal.

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