Falls Patricia Schlesinger am Freitag, an ihrem ersten Arbeitstag im RBB, das hauseigene Fernsehprogramm nebenbei laufen lässt, dann kann sie ab 13.30 Uhr in einer Folge des „Berlin-Brandenburg-Checks“ erfahren, wie sich die Leute in der Ostprignitz vor vier Jahren so gefühlt haben. Im Nachmittagsmagazin „rbb um 4“ kann sie darüber staunen, wo die Zuschauer die RBB-Tassen der Sommeraktion „Eine Tasse auf Reisen“ so überall fotografiert haben.

Diese Standbild-Nummer entfaltet eine ähnliche Dynamik wie die legendäre „Glückwunsch Antenne“, die zu Schlagermusik Schnappschüsse betagter Jubilare präsentierte. Kurz nach fünf Uhr könnte Patricia Schlesinger dann eine sechs Jahre alte Folge von „Panda, Gorilla und Co“ sehen – so manches Zootier lebt schon gar nicht mehr. Ab 20.15 Uhr präsentiert ihr neuer Sender „Die Hits der 70er“ mit Frank Zander, produziert im Jahre 2012. Nur zwischen 18 und 20 Uhr zeigt der RBB ein aktuelles eigenes Programm – und zwar durchaus erfolgreich, wie die Quoten für das Vorabendmagazin „zibb“ und die regional geteilt ausgestrahlte Nachrichten „Abendschau“ und „Brandenburg aktuell“ beweisen.

Tiefststand seit der Gründung

Ihr bisheriger Sender, der NDR, muss zwar auch stark auf Wiederholungen setzen,  wirkt insgesamt aber stärker in der Senderegion verankert – am Freitagabend laufen „Inselgeschichten von Amrum“. Insgesamt ist das Dritte TV-Programm aus dem Norden deutlich erfolgreicher als das Pendant aus Berlin-Brandenburg. Während der ersten fünf Monate 2016 – der Fußball-Juni verzerrt das Bild – konnte der NDR das Ergebnis von 2015 fast halten, sank von 7,8 auf 7,7 Prozent Marktanteil. Beim RBB-Fernsehen wird dagegen der Rückstand auf den Vorletzten immer größer: Nur noch 5,6 Prozent schalteten das Programm in der Senderegion ein – Tiefststand seit Gründung. Das erfolgreichste Fernsehjahr liegt nun schon sechs Jahre zurück: 2010 erzielte der RBB 6,8 Prozent.

Doch Patricia Schlesinger muss erst mal mit dem bisherigen Personal auskommen und lobte es nach ihrer Wahl Anfang April mit den Worten, sie wolle mit ihnen den RBB „noch besser“ machen. Als ihre Vorgängerin Dagmar Reim, die zuvor beim NDR-Radio tätig war, anno 2003 antrat, konnte sie eine neue Führung mitbringen und die Hoffnung verbreiten, aus den Programmen der beiden fusionierten Kleinsender SFB und ORB ließe sich ein erfolgreicheres Ganzes schmieden. Doch während die weiter parallel laufenden Radiosender ihre Positionen halten konnten – nur Radio Multikulti wurde mangels Geld und Resonanz 2008 eingestellt – ergab die Fusion der TV-Programme keinen Gewinn. Aus bräsig (SFB) und billig (ORB) wurde nicht etwa brillant. Auf Phasen des Aufbruchs, in denen neue Leute und neue Formate ins Programm gebracht wurden, etwa 2012 mit dem „Berlin-Brandenburg-Check“, folgten längere Phasen der Stagnation.

Patricia Schlesinger hat in den vergangenen zehn Jahren die Abteilung Dokumentation und Kultur beim NDR-Fernsehen geleitet – bei den zeitgeschichtlichen Dokus ist der RBB vergleichsweise gut aufgestellt. Gerade brachte der Sender die beeindruckende Zweiteiler „Schatten des Krieges“ über den Überfall auf die Sowjetunion ins ARD-Programm ein.

Die neue Intendantin muss Impulse in allen Metiers geben, könnte dabei eine frische Perspektive von außen beisteuern. Gerade die Tausenden Neuberliner, angezogen von der boomenden Hauptstadt, finden ihr Berlin nicht beim RBB wieder. Man muss schon lange darüber nachdenken, um RBB-Sendungen zu finden, die über die Region hinaus ausstrahlten.

Einen Nachfolger für das 2008 eingestellte Zeitgeist-Magazin „Polylux“ hat der Sender nicht entwickelt. Neben Komiker Kurt Krömer hat kaum eine RBB-Figur jenseits der Hauptstadt Profil gewonnen. Dagegen hat der NDR, die wie der RBB ein Sendegebiet zwischen flachem Land und Millionenstadt bespielen muss, durchaus Formate entwickelt, die überregional beachtet werden, etwa das Satiremagazin „Extra 3“. Der hier regelmäßig gekürte „Wahnsinn der Woche“ ließe sich auch in Berlin finden, und zwar drei Nummern größer.

Auch regionale Serien wie „Neues aus Büttenwarder“ sind zumindest im NDR-Sendegebiet ein Renner. In Berlin warten die Fans der schrägen Theaterreihe „Gutes Wedding, schlechtes Wedding“ seit Jahren vergeblich auf die angekündigte TV-Version. Der RBB hat zwar Reiseformate entwickelt, die sich in aller Ruhe auf das Brandenburger Land einlassen – eine adäquate Widerspiegelung des Großstadtlebens ist dem Sender im Fernsehen bislang nicht gelungen. Meist sieht Charlottenburg aus wie Cottbus. Einzige Ausnahme: der hyperventilierende Berliner „Tatort“.

Erlösung für Michael Kessler

Der RBB-Sendeplatz „Regionale Unterhaltung“ am Freitag um 20.15 Uhr wird mangels neuer Ideen immer weiter vom unermüdlichen Michael Kessler und seinen Reise-Expeditionen bespielt. Vielleicht erlöst ihn ja die neue Intendantin und gibt ihm endlich die Abendshow, die ihm Dagmar Reim immer wieder versprochen hatte – als Gag. Doch traditionelle TV-Unterhaltung ist teuer, mehr Geld als ihre Vorgängerin wird auch Patricia Schlesinger nicht haben. Zwar gehört der RBB zu den Profiteuren der Umstellung auf den neuen Rundfunkbeitrag seit 2013, doch die Mehreinnahmen fließen bislang in Sperrkonten und Rücklagen.

Umso mehr wird es darauf ankommen, eine kreative Szene auch jenseits der Fernsehbranche für den Sender zu interessieren – ohne Rücksicht auf weitere Quoteneinbrüche. Ansätze gibt es: Die gemeinsam mit Arte koproduzierte Serie „Street Philosophy“ gewann im Frühjahr den Grimme-Preis – im RBB war sie noch gar nicht zu sehen. Interessanter als bunte Tassen auf Reisen sind die schwarz-weiß gefilmten Straßengespräche über das Leben allemal.
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