Prächtig strahlt das goldene Geländer, zierlich schwebt der Dachstuhl, und die Wände sind geschmückt mit riesigen Gemälden: Aber nur wenn man eine VR-Brille trägt.
Foto: Sven Darmer/DAVIDS

BerlinIn der nächsten Woche vor zehn Jahren wurde das nach Plänen von David Chipperfield Architects wiederaufgebaute Neue Museum auf der Museumsinsel eröffnet. Mehr als acht Millionen Menschen haben das Haus inzwischen besucht, es gibt so gut wie keinen Architektur- oder Museumspreis, den Haus nicht erhalten hat. An diesem Freitag Abend wird schon mal vorgefeiert, und dabei werden auch ein neues Führungssystem und eine Reanimation des im Krieg zerstörten großen Treppenhauses mit den Wandgemälden Wilhelm von Kaulbachs vorgestellt.

Rundgang zum Thema Nasen

Das Museum für Vor- und Frühgeschichte und das Ägyptische Museum haben nämlich ein System von handlichen Führungskarten entwickelt, mit denen sich die Besucher eigene Rundgänge etwa zu Themen wie „Massenproduktion“, „Schein oder Sein“ oder „Nasen“ zusammenstellen können. Eine lustige Entdeckungsreise zu 160 Objekten, die im ganzen Haus verstreut sind. Ebenfalls eine Entdeckung dürfte für die meisten Besucher sein, dass die gewaltigen Ziegelsteinwände des Treppenhauses einst mit Wandgemälden geschmückt waren.

Wichtigste Stadien der Menschheitsgeschichte

Sechs riesige Bilder sollten, so war es der Wille König Friedrich Wilhelm IV. und seines Malers Wilhelm von Kaulbach um 1850, die aus ihrer Sicht wichtigsten Stadien der Menschheitsgeschichte darstellen – damals selbstverständlich aus europäischer Sicht. Man setzt sich also auf die dank Chipperfield wieder erstandenen Sitzbänke, stülpt die Virtual-Reality-Brille auf und taucht ein in eine Rekonstruktion des im Krieg zerstörten Treppenhauses.

Farbwerte ungefähr rekonstruiert

Prächtig strahlt da das goldene Geländer, zierlich schwebt der gewaltige Dachstuhl, und die Wände scheinen wieder geschmückt zu sein eben mit den riesigen Wandgemälden: Dem „Babylonischen Turm“, „Homer und die Griechen“ und „Die Zerstörung Jerusalems“ auf der Südseite, „Die Hunnenschlacht“, „Die Kreuzfahrer vor Jerusalem“ und „Das Zeitalter der Reformation“ auf der Nordseite. Dank eines erhaltenen Ölgemäldes, einiger Drucke sowie Aquarelle konnten die Farbwerte der Bilder im Computerprogramm ungefähr rekonstruiert werden.

Stark verpixelt

Perfekt sind diese Animationen allerdings wahrlich nicht. Die Abbildungen sind stark verpixelt, auch sind die Raumbilder zu hell und die einst satttiefen Farben zu scharf. Wer einmal in französischen oder chinesischen archäologischen Museen der jüngeren Generation war, weiß, was da technisch inzwischen an Illusionseffekten möglich wäre. Doch kosten solche datenreichen Programme auch viel Geld, das die Staatlichen Museen bekanntlich nicht haben.

Reichlich verschwurbelten Symbolik

Trotzdem kann konstatiert werden: Der Raumeindruck des im Krieg zerstörten Treppenhauses wird überraschend lebendig. Deutlich wird aber auch, warum die Gemälde Kaulbachs mit ihrer reichlich verschwurbelten Symbolik schon um 1860 kaum noch verständlich waren.

Blick auf das Neue Museum auf der Museumsinsel.
Foto: Klaus-Dietmar Gabbert/dpa
Das Neue Museum

Das Neue Museum feiert nach seiner Instandsetzung und Wiedereröffnung 2009 sein 10-jähriges Jubiläum.
Öffnungszeiten: Das Neue Museum (Bodestraße, 10178 Berlin, Museumsinsel) hat täglich von 10 bis 18 Uhr geöffnet, am Donnerstag schließt es sogar erst um 20 Uhr.
Tickets: Der Eintritt kostet 12 Uhr (ermäßigt 6 Euro); wer alle Ausstellungen der Museumsinsel besuchen möchte, kann ein Kombi-Ticket für 18 Euro (ermäßigt 9 Euro) kaufen.
Führung zu den Highlights: "Take five" heißt die Führung zu den schönsten Stücken, die am Sonnabend, 12. Oktober, um 14 Uhr beginnt.
Ausstellungsgespräch: Am 13. Oktober um 11 Uhr berichten Fachleute über die Konzeption und Durchführung des Restaurierungsprojekts. Treffpunkt ist an der James-Simon-Galerie, Besuchereingang, unteres Foyer.

Der Text, den man jetzt in den VR-Brillen hört, schließt sich an die damals publizierten reinen Bildbeschreibungen an. Und genau deswegen erschrickt man oft regelrecht: Da wird etwa die Zerstörung Jerusalems durch die Römer – eine der größten Katastrophen der jüdischen Geschichte – als „Gottes Auftrag“ und „Strafgericht“ beschrieben, dem nur eine Christenfamilie entkam. Der Angriff der Hunnen auf die Römer wird als angeblich „ewiger Kreislauf“ zwischen kraftvollen Barbaren und an der Zivilisation schwächlich-dekadent Gewordenen beschrieben. Die Eroberung Jerusalems durch die Kreuzfahrer erscheint als „mystischer“ christlicher Glaubensakt, ohne das fürchterliche Massaker, dass Gottfried von Bouillion und seine Mannen 1099 an Muslimen und Juden verübten, auch nur zu erwähnen. Und ist die Weltgeschichte wirklich, wie Kaulbauch und seine Aufraggeber behaupteten, in den Gelehrten und Künstlern der Renaissance und in Martin Luthers Reformation kulminiert?

Es fehlt jede historische Einordnung

Diese Gemälde waren auch aus der Perspektive der Zeit auffällig antisemitisch, rassistisch, Protestantismus- und Preußenzentriert. Für Historiker ist das offensichtlich. Doch den meisten Menschen muss man diese Doppelbedeutung erklären. Hier aber fehlt jede historische Einordnung – die muss dringend nachgeliefert werden. Denn die scheinbar neutrale Beschreibung der Bilder verschleiert eher die oft grässlichen Inhalte. Immerhin wird deutlich: Es war die richtige Entscheidung, diese Gemälde nach 1989 nicht – wie es oft und intensiv gefordert wurde – nachzumalen. Schon als historische Dokumente sind sie schwer erträglich. Als neu geschaffene Kunstwerke im alten Stil aber wären sie im heutigen Deutschland schlichtweg indiskutabel gewesen. Immerhin: Anhand dieser virtuell rekonstruierten preußischen Propagandakunst kann man wieder heftig debattieren, was für eine fatale Bedeutung sie einst hatte und heute hätte.