Rebecca Saunders.
Foto: Camille Blake

BerlinVirtuosität ist für den Komponisten ein Triumph und eine Gefahr. Das zeigten einige Neue-Musik-Konzerte des Musikfests Berlin, die vor allem Rebecca Saunders, aber auch ihrem Landsmann George Benjamin und ihrem Lehrer Wolfgang Rihm gewidmet waren.

Wolfgang Rihm distanzierte sich anfangs deutlich von jenen intellektuell triumphalen Avantgarde-Konzepten einer notenreichen Musik, deren interner Verknüpfungsreichtum eine blendend-betriebsame Oberfläche erzeugte. Nach 20 Jahren stetigen Komponierens ließ sich jedoch die erhöhte Beweglichkeit der Handschrift nicht mehr vermeiden: „Jagden und Formen“, ein 1995 begonnenes, in immer anderen „Zuständen“ neu uraufgeführtes Werk-Konzept, dokumentiert im einstündig-rastlosen Stiften und Auflösen von Zusammenhängen eine Gelenkigkeit, die immer wieder die Grenze zur Geschwätzigkeit kreuzt.

Eindruck macht derlei immer, zumal in der auch instrumental virtuosen Aufführung des Ensemble Modern unter George Benjamin am Freitag. Dass Benjamins „At first light“, die Partitur eines 22-Jährigen, 1982 der Startschuss einer Komponistenkarriere war, lässt sich heute kaum noch nachvollziehen; der distinguierte Charakter des Komponisten und Dirigenten schlägt sich in einer Klangsprache von eher zurückhaltender Persönlichkeit nieder.

In den Konzerten des Klangforums Wien unter Emilio Pomarico am Sonnabend und des Ensembles musikFabrik unter Peter Rundel am Mittwoch ließ sich der gleiche Weg von der elementaren Klangvision zur strukturellen Vernetzungsvirtuosität bei Rebecca Saunders verfolgen. „dichroic seven“, das 1998 entstandene Werk einer 31-Jährigen, sammelt raue, verfremdete Klänge ein und schert sich eher wenig um deren Vermittlung als deren Kontrastierung und Zuspitzung; die Besetzung mit Akkordeon, elektrischer Gitarre, Klavier, Schlagzeug und zwei Kontrabässen gibt davon schon einen Eindruck, viel mehr noch die klanglichen Extremformen, in denen sie eingesetzt werden. „Scar“ jedoch, für 15 Solisten, gönnt sich nicht nur eine ausgeglichenere Besetzung, sondern auch blitzschnell durch die Instrumente gereichte Signale, die den Hörer beschäftigen, aber auch ermüden: Es wird schon seine Richtigkeit haben.

Beeindruckender ist dann doch die Verbindung kompositorischer Virtuosität mit einem virtuosen Solisten: Saunders’ Klavierstück „to an utterance“ besteht zu einem großen Teil aus Glissandi, die atemberaubend über die Tastatur schießen, den Klangraum aufreißen oder zusammenschnurren lassen. Allein das Zusehen tut weh, und der junge Pianist Joonas Ahonen schützte seine Hände mit Wollhandschuhen vor den Ecken der Klaviertasten – und lieferte eine fulminante Uraufführung eines Stücks, dass die Grenzen der Klaviertechnik mit ruppiger Poesie erweitert, die den Zusammenhang mit den frühen Interessen der Komponistin wahrt.