Der weltberühmte Architekt Ludwig Mies van der Rohe sitzt 1967 am Fenster seines Berliner Hotelzimmers, blickt stundenlang nach draußen und antwortet auf die Frage, was er denn so tue: „Ich arbeite“. Sein Enkel Dirk Lohan erzählt diese Anekdote bei einem zweitägigen Symposium zur kommenden Grundinstandsetzung eines der berühmtesten Mies-Entwürfe: der Neuen Nationalgalerie am Kulturforum. Und deutet damit auch eines seiner Geheimnisse: Wieso begeistert der Bau so sehr mit seinem granitverkleideten Podium, mit den Ausstellungsräumen, dem Gartenhof und der Glashalle, deren riesiges Glasdach von nur acht Stützen getragen wird? Wegen seiner klassischen Ruhe, seines intellektuellen Anspruchs. Dieser Bau ist, wie der Kunsthistoriker Wolf Tegethoff sagte, ein „Manifest“.

Seit 1961 wurde die Neue Nationalgalerie für die West-Berliner "Galerie des 20. Jahrhunderts" von Mies van der Rohe entworfen. Schon vor seiner Emigration in die USA 1938 galt er als einer der wichtigsten modernen Architekten. Er verband, wie der Berliner Mies-Forscher Fritz Neumeyer sagte, die Leidenschaft der Moderne für offene Konstruktionen mit der klassizistischen Tradition Karl Friedrich Schinkels, durch das Material Raum und Körperlichkeit zu entwickeln.

Doch diese Körperlichkeit hat schwer gelitten in den vergangenen 46 Jahren Dauerbetrieb. Dies Haus hat unzählige Besucher die Moderne sehen gelehrt. Dabei sind die Fensterrahmen verrottet; Kondenswasser lief an den Scheiben herab, und diese zerplatzten, weil sie von Wind und Wetter unter Spannung gesetzt oder von Jugendlichen mit Skateboards beworfen wurden. Im Dach steht das Regenwasser. Die fein gemaserten Holzwände sind ebenso verrottet wie die Leitungen. Viele Granitplatten im Gartenhof und auf der Terrasse sind gesprungen.

Nie hat die Stiftung Preußischer Kulturbesitz genug in diesen legendären Bau investiert. Jetzt muss radikal eingegriffen werden. Aber hier kann nichts weggenommen, nichts hinzugefügt werden, ohne das Ganze zu verändern. Die Architekten des Büros von David Chipperfield, die schon mit dem Wiederaufbau des Neuen Museums Weltruhm erlangten, sind auch deswegen die richtigen für die Neue Nationalgalerie, weil sie nichts mehr gewinnen müssen. In ihren Plänen sind nur drei Eingriffe verzeichnet: Zwei Depoträume sollen zu Garderoben und einem Shop werden; ein neues Depot soll unter der breiten Zugangstreppe entstehen. Ansonsten sind vorsichtige Reparaturen vorgesehen. Die Fensterscheiben etwa, in dieser Größe nur noch in China erhältlich, werden zwar ausgewechselt, aber nicht zu Isolierfenstern verdickt, sondern nur aufgedoppelt. Die Vorhänge kommen wieder in die Halle. Die Klimatisierung wird verbessert. Es wird also weniger Kondenswasser an den Scheiben geben – wer es indes ganz verhindern wollte, müsste den Mies-van-der-Rohe-Bau zerstören.

„Es ist typisch für besondere Bauten, dass man nicht einfach so mit den Arbeiten beginnt“, sagte Herrmann Parzinger, Präsident der Stiftung Preußischer Kulturbesitz, gleich zu Beginn der Veranstaltung. Schön wäre es ja. Tatsächlich wünscht man sich, es hätte eine auch nur annähernd ähnliche öffentliche Vorstellung der Stiftungspläne vor dem Radikalumbau des Pergamonmuseums gegeben. Manches wäre dann anders gelaufen. Auch bei der Neuen Nationalgalerie sind viele Probleme noch nicht gelöst, etwa die mögliche Anbindung an einen Erweiterungsbau, wie er derzeit debattiert wird.

Die Vorsitzende des Berliner Landesdenkmalrats, Kerstin Wittmann-Englert, warnte schon einmal, dass ein Tunnel oder Gang gar nicht möglich sei. Aber ob das Singuläre auch einzeln stehen muss – darüber wird gewiss noch gestritten werden. Der Moderne-Kustos der Nationalgalerie, Joachim Jäger, forderte: „Denken Sie das Haus bitte als Kraftwerk und nicht als Mausoleum“. Aber das Projekt ist auf einem selten guten Weg. Darüber waren sich alle einig.