Abfahrt Berlin-Gesundbrunnen: Acht Uhr fünf. Ankunft Stettin-Hauptbahnhof: Neun Uhr neunundvierzig. Der Zug braucht 104 Minuten für gut 140 Kilometer. Ab Angermünde fährt er nicht mehr, er kriecht. Und zwar mit Diesel. Von Passow in der Uckermark bis Szczecin-Gumience ist die Strecke eingleisig. Jetzt jedenfalls. Früher gehörte die Berlin-Stettiner Eisenbahn zur modernsten in Deutschland. Am 15. August 1843 ging die Gesamtstrecke in Betrieb, zweigleisig seit dem 1. August 1873. Ab dem 8. August 1924 fuhr man voll elektrisch. Stettin, Pommerns Hauptstadt, war Berlins schnellster Zugang zur Ostsee.

Nach dem Zweiten Weltkrieg musste die DDR das zweite Gleis als Reparationszahlung an die Sowjetunion abführen. Zuvor schon, am 5. Juli 1945, wurde Stettin an Polen übergeben. Eine tragische Entscheidung: Der deutsche Teil Vorpommerns verlor sein Zentrum; und aus Warschauer Perspektive lag Szczecin – wie die Stadt seitdem heißt – auf einem anderen Planeten. So jedenfalls haben es die polnischen Stettiner lange empfunden. Doch nun strahlen sie: Stettin blüht auf, auch Warschau schaut hierher. Polens Staatspräsident Bronisław Komorowski erschien persönlich, um das große Ereignis zu feiern: Stettin hat eine neue Philharmonie.

Hansekontor mit Feinripp-Wäsche

Man hat nicht gezaudert: 2004 trat Polen der EU bei, 2005 gründete sich eine Bürgerinitiative für den Neubau der Philharmonie; 2007 schrieb man den Architektenwettbewerb aus; 2009 entschied man sich für den Entwurf der Katalanen Fabrizio Barozzi und Alberto Veiga; die Stadt sicherte die Übernahme von drei Vierteln der Baukosten zu, ein Viertel kam aus EU-Fördergeldern. Im März 2011 erfolgte der erste Spatenstich, dreieinhalb Jahre später ist das Haus fertig – alles für 30 Millionen Euro! So geht’s also auch.

Die Philharmonie ist umwerfend. Von Ferne sieht sie aus, als hätte Christo ein spitzgiebliges Hansekontor mit weißer Feinripp-Wäsche bezogen. Die Fassade aus Milchglas und Blech ist undurchschaubar, wird aber am Abend von innen erleuchtet. Am Tage, bei klarem Himmel, entstehen aus Luft und Haus Pommerns Farben: blau und weiß.

Betritt man das hohe Foyer, wird man überrascht: Weite Treppen, Oberlichter, ein geschwungenes Wendelgeländer aus gegossenem Beton – alles von lässiger Eleganz. Fast ohne Stütze schwebt der Kammermusiksaal mit seinen 198 Sitzen im Raum. Sein Fußboden ist zugleich die Decke des Foyer-Cafés. Den Saal selbst, in dunklem Holz gehalten, hat man bewusst zum Funkloch tot-isoliert: Kein Mobiltelefon kann hier klingeln.

Ein Satz, der zu Herzen geht

Der große Saal steigert das Erstaunen noch: Seine Holzwände sind mit Blattgold überzogen. Er hat 953 Sitzplätze, die dem Orchesterpodium und dem Chorbalkon frontal gegenüber liegen. Unregelmäßig aufgebrochene Wandvertäfelungen sorgen für gute Schallmischungen. Beim Eröffnungskonzert (man gab Beethovens Neunte) mit dem Sinfonischen Orchester der Miecysław-Karłowicz-Philharmonie fiel auf, wie klar alle Frequenzbereiche abgestrahlt werden, wie durchdringend sich der Gesang von Chor und Solisten gegen das Orchester behauptet – allerdings auch, dass die Blechbläser zurückhaltender agieren müssen. Probensäle hat das Haus außerdem.

Stettins Bürgermeister Hermann Haken, nach dem der weiträumige Terrassenboulevard am Oder-Ufer benannt ist, ließ 1884 ein Konzerthaus errichten, das im Zweiten Weltkrieg beschädigt und 1962 völlig abgerissen wurde. An genau der gleichen Stelle, ulica Małopolska 48, vormals Augustastraße, unweit des Königstors, steht nun das neue Haus, Wand an Wand mit dem neugotischen Polizeipräsidium, an dessen Traufkantenhöhe ausgerichtet und in den alten Grundriss-Maßen.

Warum man die neue Philharmonie ausgerechnet an die Stelle der alten setzte, fasste der stellvertretende Stadtpräsident Krzysztof Soska in einen Satz, der von Herzen kommt und zu Herzen geht: „Wir wollten damit zum Ausdruck bringen, dass Stettin eine deutsche Stadt war. Erst seit dem Zweiten Weltkrieg ist sie polnisch. Das neue Haus am alten Platz setzt ein Zeichen der Kontinuität“.

Stürmische Zuneigung

Auf Deutschlands neuem Weg nach Osten kommt ihm Polen mit stürmischer Zuneigung entgegen. Beide Länder sind inzwischen der eigentliche Stabilitätsanker der Europäischen Union. Vor allem von polnischer Seite wird das Entstehen einer „Metropolregion Stettin“ betrieben, die in Fragen der Energie- und Wasserversorgung, der Infrastruktur und der Kultur die Vierhunderttausend-Einwohner-Stadt stärker mit Brandenburg und dem deutschen Teil Vorpommerns verknüpfen soll.

Bedenkt man, dass die Schweriner Landesregierung erwägt, das Theater Vorpommern, das ohnehin schon Putbus, Stralsund und Greifswald bespielt, zu fusionieren mit den Theatern in Anklam, Neustrelitz und der Philharmonie Neubrandenburg, dann wächst Stettins Bedeutung immens, wenn der deutsche Nordosten kulturell nicht veröden will. Musiklehrer, die in Ueckermünde, Pasewalk, Eggesin oder Löcknitz ihren Schülern einmal ein Orchesterkonzert bieten wollen, finden in Stettin ihren nächsten Anlaufpunkt. In der Spielzeit gibt es dort jeden Freitag ein Sinfonie- und jeden Sonntag ein Familienkonzert, die Woche über Kammer- und Schulkonzerte. Zu den ersten musikalischen Gästen gehörten die „12 Cellisten der Berliner Philharmoniker“.

Der Ehrgeiz der Stadtentwickler geht dahin, mit Galerien, Musik, Großsegler-Rennen, Hotellerie und Gastronomie Stettin zu einer post-industriellen Großstadt nach skandinavischem Vorbild zu machen. Malmö ist der konkrete Bezugspunkt. Selbst wenn man nicht, wie der Berichterstatter, auf Kosten der Polnischen Botschaft verwöhnt wird, kann man es sich hier richtig gutgehen lassen. Der deutsche Nordosten muss aufpassen, nicht den Anschluss zu verlieren. Und die Berlin-Stettiner Eisenbahn braucht dringend ein zweites Gleis.