Refik Anadols Rauminstallation „Latent Being“ in der Halle des früheren Heizkraftwerks Mitte.
Foto: Camille Blake

BerlinAngenommen, die Fassaden unserer Häuser würden plötzlich schmelzen. Vor unseren Augen sich verwerfen, zerfließen und mutieren. Die Dächer, Türme, Mauern würden sich verbiegen und langsam in sich zusammensinken und verflüssigen zu einem krustigen Brei, der Berliner Dom, der Alexanderplatz mit Fernsehturm, Gründerzeitfassaden und ganze Straßenzüge Berlins würden sich in amorphe Massen verwandeln, um in anderer Form wieder aufzuerstehen.

Der Beton, der Stahl, das Glas, aus dem sie gebaut sind, würden Schlieren ziehen, zergehen und sich nur noch als fluide Schlacke über Flächen breiten, als wären sie Gemälde, die sich vor dem Betrachterauge immer weiter wandeln und verändern. Fiktion? Albtraum? Oder vielleicht doch ein mitreißender Traum?

Auf einer überdimensionierten Lichtwand in der kathedralenhaften Halle des Kraftwerks Mitte passiert gerade genau das. Grüne, gelbe, weiße Linien zeichnen imaginäre Grenzen, während der Ton wie ein Herzschlag pulsiert. Plötzlich flitzen Tausende Bilder unter den Füßen hinweg – ein rasender Teppich aus Berlinbildern, der einen schwindeln lässt.

Ein 27-minütigen, überbordenden Installation

Das sind mit die stärksten Momente in der 27-minütigen, überbordenden Raum-Bild-Zeit-Installation „Latent Being“ des türkischen Künstlers Refik Anadol. Sie mutiert von konkret zu abstrakt, von imaginativ bis magisch spielt sie mit den Mitteln der Kunst. Man steht mittendrin und ist plötzlich selbst Teil der Show, weil die Maschine, die dies alles steuert und auswirft, so programmiert ist – oder lernt sie? Vielleicht.

Der Zauber jedenfalls wirkt, versetzt in Staunen, wenn plötzlich Suchscheinwerfer von ganz oben Rasterfelder auf einzelne Besucher werfen, sie leuchtend im Quadrat markieren und so zu Skulpturen machen. Fantastisch neue Welt, jeder ist hier eine Datensammlung – und dank Geocoding zugleich Datenspender. Denn in der Plastikkarte, die man beim Eintritt umgehängt bekommt, ist, ganz banal und doch etwas unheimlich, ein Chip versteckt. Dank Künstlicher Intelligenz generiert das Maschinenbewusstsein das Material für seine Träume aus allem hier – aus uns, aus dem Internet und für seinen Psycho-Sound aus den vielen Klängen, die diese Stadt rund um die Uhr erzeugt. Es ist eine vielschichtige, technologisch wie philosophisch komplexe Arbeit.

"Light Art Space"

Das Eintauchen in die Dunkelheit wird zudem zum sinnlichen Einstieg in ein Anliegen, das sich paradoxerweise dem Medium Licht verschrieben hat. Denn diese audiovisuelle Installation ist das Pilotprojekt einer neu gegründeten, gemeinnützigen Kunststiftung, die sich Light Art Space nennt, kurz LAS, und hier groß ihre erste Duftmarke setzt.

Die Stiftung versteht sich als Plattform für Kunst, Wissenschaft und Technologien, ihr Fokus liegt auf der Förderung zeitgenössischer Arbeiten, aber auch der Präsentation historischer Werke im Licht-Kontext.

Die erste Idee dazu wurde schon 2016 geboren, sagt Bettina Kames, Mitbegründerin und Leiterin des LAS-Teams. Der Ausstellungsort im Kraftwerk sei das Ergebnis der Raumsituation in dieser Stadt, eine permanente Wirkungsstätte habe die Stiftung in Berlin bislang nicht.
Dafür aber visionäre Pläne für die Zukunft. So sei eine Arbeit aus Quantencomputing in Auftrag gegeben, man wolle ins Eis gehen, aber auch in die Wüste, nach Israel, und dort mit dem natürlichen Licht und mit Astrophysikern arbeiten. „Der interdisziplinäre Zugang soll den Blick weiten – sowohl auf die Gegenwart wie auch die Zukunft“, heißt es in der Erklärung.

Refik Anadol möchte der Kunst neue Impulse geben, damit sie, wie das Medium Licht, in alle Richtungen strahle.
Foto: Camille Blake

Begleitend würden in LAS+ Diskurse geführt. Zu ihren Netzwerken zählt LAS das Zentrum für Kunst und Medien in Karlsruhe, die Berliner Festspiele und den Gropius Bau. Ein internationaler Beirat aus Wissens- und Ideengebern bereichert das Team, mit dabei ist die Direktorin der Dia Art Foundation, New York, der Leiter des einzigen Museums für Medienkunst in China, Schanghai, sowie der Technologe und Kurator Ben Vickers von den Serpentine Galleries in London. Stifter und Mäzen von LAS ist der Münchner Unternehmer und Kunstsammler Jan Fischer.

Er wolle der Kunst neue Impulse geben, sagt Refik Anadol, damit sie, wie das Medium Licht, in alle Richtungen strahle.   Anadol schöpft seine Datenströme aus dem kollektiven Gedächtnis wie aus Erinnerungsarchiven . „Latent Being“ sei mit der Einspeisung von Bildern aus jeder anderen Stadt generierbar, sagt er. 1985 in Istanbul geboren, lebt Anadol inzwischen in Los Angeles.

Als Artist in Residence bei Google wurde er von den neuen Technologien infiziert. Seitdem arbeitet und experimentiert er mit Künstlicher Intelligenz und neuronalen Netzwerken – und den „vier Dimensionen“, die er für eine begreifbare, ja magische Sinneserfahrung auf drei herunterbreche. Es kursiere zu viel Schlechtes in der Welt, dem wolle er etwas Positives entgegensetzen. Träume schaffen und die Fantasie beflügeln – den Impuls hat er gesetzt: als eine kraftvolle Anti-Dystopie.

Kraftwerk Berlin Köpenicker Straße 70, Mo, Mi, Do 15–21 Uhr, Fr und Sa 12–23 Uhr, So 12–21 Uhr, Di geschlossen. www.lightartspace.org