Köln - Das Szenario ist mindestens seltsam. Und driftet dann zuverlässig ab in bizarre Gefilde. Bis man erkennen muss: Das alles ist wahr. Und auch noch schwer erfolgreich. Zwischen prallen Dirndln und unter piefigen Trachtenhüten wird sich beherzt zu schlechter Musik ins Geschmackskoma geschunkelt, und dazu gibt’s Dosenbier. Das Getränk aus der Büchse ist noch das wahrhaftigste an der Gesamtsituation; es handelt sich nämlich um brasilianisches Dosenbier.

Herzlich willkommen zum Oktoberfest in Blumenau, einer Großstadt im brasilianischen Bundesstaat Santa Catarina. 1850 von deutschen Einwanderern gegründet und benannt nach dem Apotheker Hermann Blumenau, der bei den Kolonialisierungsmaßnahmen federführend war.

Wenn das Niveau runtergeht, steigt die Stimmung zuverlässig – das ist auf der Wiesn nicht anders als im Kölner Karneval oder am Ballermann auf Mallorca, und im brasilianischen Blumenau wird zwischen deutschen Unterhaltungsmöbeln – vulgo: Bierbänken – tüchtig auf die Feiertube gedrückt.

Das Niveau sinkt, die Stimmung steigt

„Ich verstehe die Welt nicht mehr, das alles macht keinen Sinn“, sagt der Mann, der uns diese Feierbilder zeigt. Manuel Möglich, Mitte 30, Journalist aus Berlin, reist für sein neues Format ins Ausland, um Deutschland zu verstehen. „Deutschland von außen“ (9.10., ZDFneo, 23.15 Uhr) heißt die neue, vierteilige Reportagereihe, in der Möglich genau das macht, was ihn schon im Kontext von „Wild Germany“ auszeichnete: Er nimmt sich selbst nicht wichtig und balanciert seine Fragen zwischen menschlicher Neugier und journalistischem Anspruch gekonnt aus.

„Mein Name ist Manuel Möglich. Ich bin Deutscher. Und obwohl ich gerne in Deutschland lebe, kann ich nicht sagen, ich bin stolz, Deutscher zu sein” – so positioniert sich der Weltreisende zu Beginn seiner Erkundungen. Ausgehend vom Schwarz-Rot-Goldenen Taumel in Blumenau, möchte Möglich wissen, was typisch Deutsch ist. Die Antworten, die er dabei erhält, sind mitunter so banal wie wahrhaftig, und sie sind mehr als einmal in all ihrer Beiläufigkeit auch entlarvend.

Ein deutschstämmiger Moderator eines deutschsprachigen Radioprogramms verkündet, dass es seit den 80er Jahren – die Nachwirkungen des Zweiten Weltkrieges wurden zunehmend verdrängt, die Verantwortung der Deutschen mehr und mehr ausgeblendet – schlichtweg Mode geworden sei, sich zum Deutsch sein und zu deutschen Wurzeln zu bekennen. „Lass die Sonne in dein Herz“ spielt der Radiomann dann, während Möglich später in einer südamerikanischen Küche nicht mit Schlagern und Volksmusik beschallt wird, dafür aber erfährt, welches deutsche Essen eine brasilianische Familie mit deutschen Vorfahren schätzt: „Fleisch mit Rotkohl, das ist gut“.

Helene Fischer und Mickie Krause

Möglich isst mit, und er bewahrt Fassung und Haltung, als er erfährt, was junge Brasilianer mit Affinität zum Deutschen für moderne Musik halten: Helene Fischer und Mickie Krause. Rotkohl und Helene Fischer – man mag das für Erkenntnisse aus der Klischeewurstbraterei halten. Doch es ist das, was Möglich findet, als er das Alltägliche im Leben der nachfolgenden Generationen deutscher Auswanderer sucht. Einen deutschen Urgroßvater hat auch Paulo Rink vorzuweisen. Weshalb Berti Vogts in seiner Zeit als Bundestrainer auf die glorreiche Idee kam, den Mann mit dem brasilianischen Herzen und den eher deutschen Fußballfüßen für die Nationalmannschaft einbürgern zu lassen.

Rink, 41 und auf sympathische Weise mopsig geworden, ist heute in seiner Heimatstadt Curitiba ein erfolgreicher Kommunalpolitiker und weiß, was er an Deutschland und den Deutschen hat. „Sie sind organisiert, das Meiste funktioniert. Und wenn sie hier Kunstrasenplätze bauen, geben sie zwölf Jahre Garantie. Brasilianer gewähren höchstens drei.“  Ein paar Bälle schießen sich Rink und Möglich noch zu (der Dreh fand vor der WM und der 1:7-Klatsche der Seleção gegen die deutsche Elf statt), und dann muss der Journalist weiter. Schließlich gilt immer noch: Manchmal muss man weit weggehen, um sich einer Sache anzunähern.

In Rolândia, einer Gemeinde im brasilianischen Bundesstaat Paraná, lässt sich Möglich von Honorarkonsul Adrian von Treuenfels erklären, mit welchen Mechanismen die Brasilianer die aus dem Zweiten Weltkrieg resultierende deutsche Erbschuld relativieren, und dann kommt Inge ins Spiel. Inge sieht aus wie ein stricklieselndes Ömchen, hat aber Haare auf den Zähnen. Der Herr Papa war Nazi, und Inge ist bis heute ganz im Sinne ihres Erzeugers unterwegs. Die „deutschen Werte von 1933 bis 1945“ zählen für sie, „die neueren sind komisch“. Keinesfalls komisch, sondern eher von brillanter Perfidie ist dann, dass Inge in ihrem „Club Germanico“ chorweise „Die Gedanken sind frei“ anstimmen lässt. Und überhaupt: „Gemütlichkeit, das ist ein großes deutsches Wort, das kennt der Brasilianer nicht.“

Die deutsch-brasilianische Nazi-Oma

Und Möglich? Hört sich den so rückwärtsgewandten wie nationalistischen Schmierkäse an, lässt ihn sich aber nicht aufs Butterbrot schmieren. „In meinem tiefsten Innern bin ich noch eine richtige Deutsche“, lässt Inge den Journalisten wissen. „Ach, dann bin ich ein falscher Deutscher, weil ich global denke? – „Nein, Sie sind ein futuristischer Deutscher. Globales Denken ist eine Gedankenordnung, die nicht jeder bestätigt.“ Kurze Durchsage an die deutsch-brasilianische Nazi-Oma, die ihren rechten Job bis ins hohe Alter pflichtbewusst machen möchte: Deutsch sein ist gar kein Beruf.

Am Ende seiner Reise durch Brasilien lernt Manuel Möglich Camila von Treuenfels kennen, die Tochter des Honorarkonsuls. Von ihr und ihren Freunden lässt er sich zeigen, wie man einen richtigen Caipirinha zubereitet. Den Trinkspruch dazu gibt’s auf Portugiesisch. Besser so. Ein Prosit der Gemütlichkeit ist „Deutschland von außen“ zum Glück nicht. Sondern kluges, lehrreiches und nie belehrendes Fernsehen.        

Die weiteren Folgen von „Deutschland von außen“ auf ZDFneo:

16.10., 23.10 Uhr: Rumänien

23.10, 23.25 Uhr: Namibia

30.10., 23.40Uhr: Lettland